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Die medizinischen Folgen vom falschen Hilfszügeleinsatz

Medizinische Auswirkungen von Hilfszügeln
Schlaufzügel, Dreiecker und Co. sollen dem Pferd den Weg in die Tiefe weisen, ihm helfen, den Rücken aufzuwölben und damit eine schädliche Haltung vermeiden – so das Argument der Befürworter. Welche Nebenwirkungen und Risiken der unsachgemäße Einsatz von Hilfszügeln mit sich bringt, wollten die Dressur-Studien genau wissen und fragten bei Tierärzten nach.

Kurz gesagt: Hilfszügel, vor allem die beliebten Schlaufzügel, können krank machen. Verspannung von Hals und Rücken, die altbekannte Zügellahmheit, Arthrosen in der Halswirbelsäule, Entzündungen im Genick, Zahnprobleme – die Liste des Leidens ist lang. Und so erteilt Fachtierarzt Dr. Marco Schwan aus Norderstedt der verbreiteten Meinung, dass Hilfszügel das Pferd immer schonend in die richtige Haltung brächten, eine klare Absage: „Aus tierärztlicher Sicht stimmt das nicht.“ Tatsächlich können die vielfältig verschnallten Strippen sogar verhindern, dass das Pferd den Rücken aufwölbt und gut untertritt. Denn beispielsweise ein Schlaufzügel ziehe einfach den Kopf nach abwärts-rückwärts, oft deutlich hinter die Senkrechte, erklärt Schwan: „Das überspannt die gesamte Muskulatur im oberen Hals über den Rücken bis zur Kruppe. Wenn ich diese Muskeln überdehne, werden sie sich erschöpfen – vor allem, wenn ich ihnen keine Ruhepause gönne.“

Ein Teufelskreis, meint der auf Orthopädie spezialisierte Tierarzt, der zu dem Thema Vorträge bei der FN hält: „Wenn ein Muskel sich zusammenzieht, braucht er Sauerstoff. Wird er überlastet, kommt er in ein Sauerstoffdefizit und erreicht einen anaeroben Stoffwechsel. Dadurch bildet sich in den Muskelfasern Laktat, der Muskel fängt an, sich zu verhärten.“ Das tut weh – um den Schmerzen zu entkommen, versucht das Pferd, diese Muskeln zu schonen und gerät in eine Fehlhaltung. Konkret erklärt Schwan das am Beispiel des langen Rückenmuskels, M. longissimus dorsi, der links und rechts der Wirbelsäule verläuft – einer der wichtigsten Muskeln, der beim Reiten stark gefordert wird. Der lange Rückenmuskel ist mit der Kruppenmuskulatur verbunden – eine Muskulatur, die sich am Hinterbein nach unten zieht. Logische Folge des muskulären Zusammenspiels: Der lange Rückenmuskel muss sich dehnen können, damit das Hinterbein unter den Schwerpunkt treten kann. „Wenn der Reiter aber die Hilfszügel so anwendet, dass das Pferd hinter die Senkrechte muss oder wenn es sich über längere Zeit nicht abstrecken kann, wird der Muskel überlastet, krampft sich zusammen, und die Hinterhand kann nicht mehr untertreten“, führt der Norderstedter Tierarzt aus. Schlimmer noch: Um den andauernden Muskelschmerzen zu entgehen, drückt das Pferd den Rücken weg – genau der umgekehrte Effekt, den der Reiter mit dem Schlaufzügel erreichen will. „Langfristig führt das zu bleibenden Verspannungen, es kann sogar so weit gehen, dass der Muskel atrophiert, also abbaut“, warnt Schwan. „Das passiert, wenn der Muskel so schmerzt, dass die Pferde versuchen, ihn zu schonen und durch andere Muskelgruppen zu ersetzen. Die aber werden ebenso überlastet – der Teufelskreis ist perfekt.“

Nicht nur die Muskulatur wird in Mitleidenschaft gezogen, weiß der Pferde-Orthopäde. Wenn die Beweglichkeit der Muskulatur eingeschränkt wird, die das Skelett wie ein Korsett hält, kommt es auch zu arthrotischen Veränderungen: Halswirbelsäule, Beckengelenke, Rückenwirbel entwickeln bleibende Schäden. „Ich erlebe bei meinen Kunden immer wieder, dass sie glauben, die Halswirbelsäule verläuft unter dem Mähnenkamm und ist wie ein Bogen gekrümmt“, berichtet Schwan. „Daher glauben sie, sie könnten den Bogen mit den Schlaufzügeln als Sehne einfach etwas stärker spannen.“ Tatsächlich beschreibt die Halswirbelsäule ein umgekehrtes S – sie verläuft vom Genick in einem eleganten Schwung durch den Hals und geht etwa in Bughöhe in die Brustwirbelsäule über, deren 20 cm lange Dornfortsätze den Widerrist bilden. Das andauernde Überdehnen wird an den Wirbeln sichtbar: Vor allem am zweiten und dritten Halswirbel – am „falschen Knick“ – und damit korrespondierend am sechsten und siebten Halswirbel zeigen sich bei solchen Pferden oft Entzündungen, die Vorboten einer Arthrose.

Ein weiteres typisches Zeichen, eines mit Schlaufzügeln in Haltung gehebelten Pferdes, sind die so genannten Genickbeulen, also Schleimbeutelentzündungen, die nach der Erfahrung des Norderstedter Tierarztes typischerweise mit dem Training schlimmer werden. Physikalisch bewanderte Reiter wundert das nicht, meint Schwan: „Das Gebiss wirkt über den rund 40 Zentimeter langen Pferdekopf wie ein Hebel im Okzipitalgelenk, also im Genick des Pferdes. Bei der Anwendung von Schlaufzügeln können Druckspitzen bis zu 1000 kg erreicht werden!“ Diese Kräfte beanspruchen auch das am Hinterhauptsbein ansetzende Nackenband. Es gehört mit dem Rückenband zum passiven Halteapparat des Pferdes und versetzt es in die Lage, den Reiter tragen zu können. Hier stellt Dr. Schwan oft fest, dass unsachgemäß gerittene Pferde empfindlich auf Berührungen reagieren. Oft erhält er dann bei der Untersuchung mittels Röntgen und Ultraschall die Bestätigung, dass bereits Bandansatzerkrankungen und Kalkablagerungen im Gewebe vorhanden sind.

Neu sind diese Erkenntnisse nicht, meint der Tierarzt: „Dazu gibt es reichlich Literatur.“ So hat eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover gezeigt, dass bei 120 Pferden, welche wegen Rittigkeitsproblemen vorgestellt wurden, nahezu 50 Prozent der Probleme auf den Reiter zurückzuführen sind. Und auch Schwan wird oft zu Pferden gerufen, deren Besitzern er statt Spritzen und Salben lieber einen guten Reitlehrer empfiehlt. „Ich will die Hilfszügel nicht völlig verdammen“, schränkt er ein. „Mag sein, dass ein gefühlvoller Reiter dem Pferd damit schneller etwas begreiflich machen kann. Aber ich kenne viele gute Reiter, die ohne Schlaufzügel wunderbar auskommen.“ Wer dennoch nicht auf die Hilfe von Schlaufer und Co. verzichten will, dem rät Dr. Marco Schwan, nur kurze Zeit damit zu reiten. „Wenn ich den Schlaufzügel langfristig anwende, potenziert sich das Problem, statt sich zu lösen – das ist einfach eine Frage der Anatomie und Biomechanik.“ Und innerhalb der Trainingseinheit müsse das Pferd immer wieder in die Dehnung entlassen werden, damit die Muskulatur nicht verkrampft.

Auch Marion Elze-Geisler, Tierärztin und geprüfte Pferdedentalpraktikerin (nach der Internationalen Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne, kurz IGFP) würde den Hilfszügel nicht grundsätzlich verteufeln: „Ich habe Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten gelernt, habe selber viele Jahre Pferde und Reiter ausgebildet“, erinnert sie sich. „Am richtigen Platz eingesetzt, kann ein Hilfszügel ein wertvolles Instrument sein.“ Aber in ihrer Arbeit als Pferde-Zahnspezialistin ist ihr aufgefallen, dass die Hilfszügel auch an den Pferdezähnen ihre Spuren hinterlassen. „Sägezahngebiss“ nennt man das Phänomen, das bei Pferden, die regelmäßig mit Schlaufzügel geritten werden, extrem werden kann.

Elze-Geisler erklärt, was dahinter steckt: „Der Pferdezahn besteht aus unterschiedlich harten Materialien: Der sehr harte Zahnschmelz durchzieht den Zahn in senkrecht verlaufenden Lamellen, das weichere Dentin und der noch weichere Zahnzement umgeben ihn.“ Beim natürlichen Kauen von Gras und Heu bewegen sich Unter- und Oberkiefer in verschiedene Richtungen: Einmal quer zu einander und außerdem von vorn nach hinten. Diese Vor-und-Zurück-Bewegung verändert sich, je nachdem wie das Pferd den Kopf hält: Ist der Kopf zum Fressen unten, schiebt sich der Unterkiefer leicht vor, schaut es nach oben, geht der Kiefer leicht zurück. Dadurch nutzen sich die verschieden harten Zahnmaterialien unterschiedlich ab, die Kaufläche wird rau, es entstehen leichte Riefen.

„Bei einem Sägezahngebiss haben sich jedoch quer über den Zahn Erhebungen gebildet“, erklärt die Zahnärztin. „Von der Seite betrachtet, sieht das aus wie die Zacken eines Sägeblatts.“ Die Folge: Die Zähne verhaken sich so ineinander, dass die Unterkieferbewegung vor und zurück fast unmöglich wird. Der Kiefer werde in alle Bewegungsrichtungen stark eingeschränkt, im Kiefergelenk entstehen Verspannungen, Entzündungen oder sogar
Arthrosen. Das Sägezahngebiss kam in manchen Ställen besonders häufig vor, fiel Elze-Geisler und ihren Kollegen von der IGFP auf: „Es gibt Ställe, in die ich alle halbe Jahre komme, fasse ins Maul der Pferde und finde immer wieder extrem ausgeprägte Querriefen.
Das ist nur mit Fütterung oder Haltung nicht zu erklären.“

Die Zahnexperten führten schließlich diese übermäßigen Abnutzungen auf die Reitweise zurück. „Es gibt eine klar erkennbare Tendenz, dass es hier um Pferde geht, die intensiv auf falsche Weise mit Schlaufzügeln geritten werden, in absoluter Aufrichtung“, berichtet Elze-Geisler. Beim Menschen ist ein solcher Zahnabrieb mit nächtlichem Zähneknirschen zu
erklären – Pferde jedoch knirschen nicht mit den Zähnen im Schlaf. Aber sie tun es, wenn sie Schmerzen haben oder als Zeichen des Unwohlseins: Bei Kolik beispielsweise oder eben unter einem Reiter mit harter Hand. „Auch bei Schulpferden habe ich dieses Phänomen gefunden“, erzählt sie, „die Stunde um Stunde mit Ausbindern gehen müssen – immer mit derselben Kopfhaltung, Zahn auf Zahn.“ Und so erklärt sich auch die Sägezahnbildung bei ständigem Hilfszügel-Gebrauch: Dabei werden Kopf und Hals über längere Zeit in einer Position festgehalten, das Maul ist durch den Nasenriemen fest zugeschnürt, die Zähne aufeinander fixiert. „Der Reiter will ja ein Pferd, das am Gebiss kaut, als Zeichen der Losgelassenheit“, führt die Pferdezahnspezialistin aus. „Es ist aber kein Futter im Maul, Zahn reibt an Zahn – beim Reiten in der Halle eine bis anderthalb Stunden lang.“ Das sei mit dem menschlichen Zähneknirschen durchaus vergleichbar.

Um dies zu vermeiden, müsse der Reiter immer wieder die Kopf-Hals-Position verändern. „Wenn schon Hilfszügel, dann sollten sie ein Dehnen nach Vorwärts-Abwärts erlauben, so dass sich auch das Kiefergelenk lösen kann,“ so Elze-Geisler. Der Schlaufzügel gehöre ausschließlich in die Hand eines gefühlvollen Könners, meint sie – aber der würde wohl ohnehin keinen nehmen. (Stefanie Simon)

Der Artikel erschien in unserem Heft „Tabuthema Hilfszügel“, welches als Einzelheft leider vergriffen ist, aber in unserem Sammelband 2007 enthalten ist.

 

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