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Die Europameisterschaft: Dressursport am Scheideweg und Totilas in Rente

Die letzte Dressur-Prüfung ist vorbei, jetzt gehen die anderen Disziplinen in Aachen bei der Europameisterschaft an den Start. Zeit für einen Rückblick, in dem es viele schlechte Nachrichten, aber auch gute gibt.

Der Fall Totilas
Beim Vet-Check wollte ein Tierarzt Totilas genauer überprüfen, sein Kollege und zwei Jury-Mitglieder überstimmten ihn jedoch. Totilas startete, siegte – und das obwohl er offensichtlich lahm war. Zwei Richter sahen den Rappen gar auf einem hinteren 20. Platz. Drei andere dagegen setzten ihn auf Platz eins. (Das Video des Ritts ist hier zu sehen.) Totilas Reiter Rath hatte das genauso wenig bemerkt, wie die Bundes-Dressurtrainerin Monica Theodorescu. Der Dressurausschuss-Vorsitzende, Klaus Roesner (der bei Totilas-Mitbesitzer Paul Schockemöhle angestellt ist) ließ sich gar zu dieser Aussage hinreißen: „Ich kenne kein Pferd, das kein Problem hat.“ Und obwohl erst alles danach aussah, dass unter den Teppich gekehrt werden sollte, was für jeden augenscheinlich war, kam Totilas einen Tag später in eine Pferdeklinik und die niederschmetternde Diagnose stand fest: Der „Wunderhengst“ hat ein Knochenödem am Kronbein der linken Hinterhand. Dass er jemals wieder im großen Sport zu sehen sein wird, ist unwahrscheinlich.Tatsächlich erklärte die Familie Linsenhoff-Rath am Mittwoch, 19. August, dass Totilas nicht mehr in den Sport zurückkehren werde. Das schmerzhafte Ende einer großen, leidvollen und ebenfalls schmerzvollen Karriere: für das Pferd. Die Menschen um ihn herum hatten sich viel Ruhm erhofft. Und sind jetzt (hoffentlich) nur um eine Erkenntnis reicher: Erfolg lässt sich nicht kaufen. Schon gar nicht auf Kosten eines Pferdes. Auch ist der Verdacht nicht vom Tisch, dass die FN-Führung inklusive der Bundestrainerin alle Augen geschlossen haben, als es um Totilas Gesundheitszustand ging: Der Blick auf eine Goldmedaille kann einen ja auch schon mal blenden. Das ist ein Trauerspiel für den Dressursport und eine Bankrotterklärung der Verantwortlichen.

Der Fall Edward Gal
Fotografin Friederike Fründ traute ihren Augen nicht. Der Niederländer Edward Gal ritt auf dem Abreiteplatz in voller Rollkur-Manier. Acht Minuten, dann gab es eine kurze Schrittpause für Glocks Undercover und schon ging es in selber Manier weiter.
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Und tatsächlich: Ein Pferdekopf lässt sich so eng an den Hals ziehen. Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Und tatsächlich: Ein Pferdekopf lässt sich so eng an den Hals ziehen. Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Sprung für Sprung zusammengeknallt - pardon - mit Low-Deep-Round trainiert. Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Sprung für Sprung mit Low-Deep-Round trainiert. Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ
Edward Gal, Glocks Undercover. Foto: Friederike Fründ

Am nächsten Tag wurde Edward Gal mit seinem Spitzenpferd abgeklingelt: Glocks Undercover blutete aus dem Maul. Dass ein Pferd sich vor Aufregung auf die Zunge beiße, das können ja schon einmal passieren, hieß es dazu.

Noch mehr unschönes
In der selben Prüfung quittierte die Stute von Patrick Kittel den Dienst: sie steig in den Piaffen. Patrick Kittel gab daraufhin auf. Wenig Glück hatte auch Anna Kasprzak mit ihrem Donnperignon. Ihr Pferd trat sie während des Vet-Checks und traf sie so schmerzhaft im Brustbereich, dass sie nicht starten konnte.

Und das Licht?
Gab es bei den deutschen Reiterinnen. Unangefochtene „Siegerin der Herzen“ war am Sonntag Kristina Bröring-Sprehe mit ihrem Desperados. Die beiden schwebten förmlich durch das Dressurviereck. Die vielbeschworene Harmonie war hier förmlich greifbar – und nicht nur eine leere Worthülse. Sie landete fast punktgleich mit dem Ergebnis von Charlotte Dujardin und ihrem Valegro. Doch da justierten die Richter nach: Mit einem hauchdünnen Vorsprung gewann Dujardin. Das Publikum buhte die Richter aus, sowohl bei der Notenbekanntgabe, als auch später bei der Siegerehrung. In der Lautstärke gab es das auch noch nicht allzu oft.

Was bleibt
Wenn es um Medaillen geht, hört bei einigen die Pferdeliebe auf. Da lässt sich auch nichts mehr schönreden.
– Die vorhandene FEI-Regel, mit der die Rollkur abgeschafft und das angeblich schonendere Low-Deep-Round für maximal zehn Minuten erlaubt, erweist sich als zahnloser Tiger. Und angesichts solcher Bilder ist jede Minuten dieser „Ausbildungs-Tortur“ eine Minute zuviel. Diese Regel gehört ersatzlos gestrichen und das LDR (oder wie auch immer es genannt wird) verboten.
– Dass ein Tierarzt in seiner fachlichen Aussage von Richtern „überstimmt“ werden kann, ist ein trauriger Witz auf Kosten der Pferde. Diese Regel gehört reformiert. Die Gesundheit des Pferdes muss immer im Vordergrund stehen und alles andere sich dem unterordnen.
– Offenbar haben sich zwei Reitweisen entwickelt: Einmal die herkömmliche klassische. Hier steht das Pferd im Mittelpunkt, die Ausbildung dauert viele Jahre, und hat immer die Gesundheit des Pferdes vor Augen. Am Ende dieses langen Weges stehen Pferde, die nicht wie Automaten ein Programm abspulen, sondern stolz und selbstbewusst im Viereck auftreten. Das Gangwerk mag nicht so „spektakulär“ sein und an Zinnsoldaten erinnern – gesünder ist es dafür allemal.
Und dann gibt es noch die neue „Reitweise“, deren Vorreiter die Niederländer sind und die von vielen Reitern weltweit übernommen worden ist: Abgerichtete Pferde, bis in den letzte Muskel vom Reiter mit härtester Hand kontrolliert werden, die absolute Beherrschung und Unterwerfung. Hier gibt es die exaltierten Spanntritte zu sehen, die manche Zuschauer und Richter so bewundernswert finden. Für die Gesundheit der Pferde und ihr Wohlbefinden ist das auf Dauer Gift. Dass einige Pferde trotz dieser „Reitweise“ alt werden, ist kein Argument für Rollkur & Co. Es gibt ja auch Kettenraucher, die nicht an Lungenkrebs sterben.

Am Scheideweg
Die Verantwortlichen von FEI und FN, Richter, Ausbilder und Reiter müssen sich endlich entscheiden: Wollen sie den Dressursport weiter zu einem Pferde vernichtenden Spektakel ausbauen? Oder besinnen sie sich doch noch darauf, dass Pferde unseren Respekt und alle Fürsorge verdient haben? Fernab jeder Gewinnsucht!

Es ist fünf nach zwölf.

Wer sich gegen Rollkur/Hyperflexion/Low-Deep-Round aussprechen möchte, kann unsere Petition unterstützen, die wir am Samstag gestartet haben.