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Wie der Reitsport wahrgenommen wird: Gute Bilder allein reichen nicht

In einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung der Initiative R-haltenswert wurde die Wahrnehmung des Reitsports in den sozialen Medien analysiert. In einem ersten Schritt wurden rund 500 Personen über Social-Media zu ihrem Eindruck vom Pferdesport befragt.

Die ausdrücklich nicht repräsentative Befragung kam zu einem ernüchternden Ergebnis: 84 Prozent der Teilnehmenden nahmen den Pferdesport insgesamt negativ wahr. 13 Prozent standen ihm neutral gegenüber, lediglich 3 Prozent bewerteten oder erlebten den Pferdesport positiv.

In einem zweiten Schritt untersuchte R-haltenswert die Social-Media-Accounts von 70 Reitsport-Influencern mit jeweils mehr als 50.000 Followern. In die Analyse flossen ausschließlich Inhalte ein, die von den Influencern selbst veröffentlicht wurden und die aus ihrer eigenen Sicht ein positives oder gutes Beispiel für den Reitsport darstellen sollten. Beiträge, in denen bewusst Negativbeispiele gezeigt oder problematische Szenen ausdrücklich als solche gekennzeichnet wurden, blieben unberücksichtigt. Grundlage der Untersuchung waren damit kuratierte Inhalte, die den Reitsport aus Sicht der jeweiligen Influencer positiv präsentieren.

In die Auswertung war das Expertenteam von R-haltenswert eingebunden, bestehend unter anderem aus Ausbildern, Tierärzten, Osteopathen und Richtern. Bewertet wurden verschiedene fachliche Aspekte. Dazu zählten Biomechanik und Bewegungsqualität sowie ausbildungsbezogene Kriterien, orientiert an der Skala der Ausbildung. Ebenso flossen Ausrüstung und Zäumung in die Analyse ein, einschließlich der Frage nach der Sattelpassform. Dieser Themenkomplex wurde unter dem Begriff Pferd–Mensch–Sattel-Schnittstelle zusammengefasst. Überdies wurden Konflikt- und Stressanzeichen der Pferde systematisch beobachtet und dokumentiert.

Explizit ging es in dieser Untersuchung nicht darum, das gezeigte Bild- und Videomaterial als „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten. Die Erfassung erfolgte ausschließlich deskriptiv und hatte das Ziel, sichtbar zu machen, was gezeigt wird – nicht, wie es zu bewerten wäre.

Ein Blick in die Einzelergebnisse der verschiedenen Bewertungskriterien zeigt mehrere auffällige Befunde. So wird im Bericht festgehalten, dass die Losgelassenheit das am häufigsten eingeschränkte Ausbildungselement in den untersuchten Influencer-Videos gewesen sei. In rund 70 Prozent der analysierten Inhalte zeige sich die Losgelassenheit als nicht stabil oder lediglich phasenweise vorhanden.

Auch bei der Durchlässigkeit zeigten sich Einschränkungen. Bei 31 Prozent der analysierten Pferde wurde eine feine Durchlässigkeit festgestellt, bei der die Pferde prompt, gleichmäßig und ohne erkennbaren Widerstand auf die gegebenen Hilfen reagiert hätten. Bei 23 Prozent der Pferde sei dies nicht der Fall gewesen. Der Bericht bezeichnet diesen Zustand als deutlich eingeschränkte Durchlässigkeit.

Im Modul Ausrüstung fällt insbesondere der Unterabschnitt Nasenriemen auf. In 79 Prozent der untersuchten Videos waren Nasenriemen eindeutig sichtbar. Von diesen wurden 46 Prozent als deutlich straff oder sehr eng verschnallt eingeordnet. 33 Prozent galten als korrekt verschnallt. Bei 21 Prozent der Bilder war eine verlässliche Beurteilung nicht möglich, da die Kameraperspektive zu ungünstig war.

In der Frage, wie die Schnittstelle Pferd-Sattel-Mensch zusammenspielt, zeigt sich ein besonders ernüchterndes Bild. 41 Prozent der analysierten Sättel wirkten insgesamt einschränkend auf den Reiter und damit auch auf das Pferd. Bei weiteren 31 Prozent wurden die Sättel als deutlich blockierend eingeordnet – sowohl für den Reiter als auch in der Konsequenz für das Pferd. Lediglich 28 Prozent der Sättel erfüllten ihre eigentliche Aufgabe und wirkten stabilisierend auf den Reiter beziehungsweise den Reitersitz, ohne Pferd oder Reiter in ihrer Bewegung zu behindern.

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass sich auch im Kapitel zur Rückentätigkeit des Pferdes ähnlich deutliche Ergebnisse finden. In 52 Prozent der untersuchten Sequenzen war die Rückenmechanik eingeschränkt. Im Bericht heißt es dazu: „Einschränkungen der Rückenmechanik treten im Material gehäuft auf und stehen häufig in sichtbarem Zusammenhang mit Einschränkungen in Balance und Tragfähigkeit.“

Deutlich positiver fällt das Ergebnis bei der Frage aus, wie häufig Konfliktzeichen beim Pferd zu sehen sind. In knapp 65 Prozent der ausgewerteten Sequenzen zeigten die Pferde keinerlei Konfliktanzeichen. Leichte Konfliktsignale traten in rund 15 Prozent der Fälle auf, moderate Konfliktanzeichen in 13,4 Prozent. Dominante, bildprägende Konflikte wurden in 7,4 Prozent der untersuchten Inhalte festgestellt. Laut R-haltenswert spricht dieses Ergebnis dafür, dass bei den Influencern ein Bewusstsein für Konfliktverhalten vorhanden ist und entsprechende Anzeichen zumindest teilweise bei der Auswahl der veröffentlichten Inhalte berücksichtigt werden.

Im Gesamtergebnis kommt R-haltenswert zu dem Schluss, dass Influencer trotz der festgestellten strukturellen Probleme überwiegend mit Bild- und Videomaterial an die Öffentlichkeit treten, das mehrheitlich positiv wirkt. Dem steht jedoch die deutlich negative Wahrnehmung der befragten Nutzerinnen und Nutzer aus der Umfrage gegenüber. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und öffentlicher Wahrnehmung wird damit deutlich sichtbar.

Im Fazit heißt es: „Die öffentliche Wahrnehmung des Pferdesports entsteht somit im Zusammenspiel selektiver Sichtbarkeit, medialer Verstärkung und fehlender kontextualisierender Einordnung. Diese Dynamik ist strukturell bedingt und nicht durch eine Erhöhung positiver Bildanteile allein zu beeinflussen.“

Daraus leitet die Initiative ab, dass Verantwortung in dieser Debatte nicht individualisiert werden darf. Gemeint ist vielmehr ein Zusammenspiel aus Influencern, Plattformen, Institutionen und Publikum. Entscheidend sei nicht die Produktion möglichst „schöner“ Bilder, sondern die sichtbare Einordnung von Kontext, Entwicklung und Zusammenhängen.

Kurzum: Eine „gute-Bilder-Kampagne“ allein reicht nicht. (cls)

Hier ist der komplette Bericht abrufbar.