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Warum Isabell Werth uns mit juristischen Mitteln droht: David gegen Goliath: 

Die Mail mit dem Betreff „Werth ./. Sanders“ landet um 15.29 Uhr mit einem Pling-Geräusch in meinem Postfach. Absender ist einer der bekanntesten deutschen Medienrechtsanwälte – und anders als es sein Nachname vermuten lässt, meint er die Sache wohl ernst: Bis 18 Uhr am selben Tag solle ich eine Folge unseres Podcasts offline stellen, andernfalls drohten juristische Schritte.

Die Mail vom 16. April 2024 ist die Reaktion von Isabell Werth auf unseren Podcast, der am 26. März ausgestrahlt wurde. Unter dem Titel „Nach dem Skandal ist vor dem Blaue-Zungen-Skandal“ berichte ich über einen Artikel, der in der auflagenstarken schwedischen Boulevardzeitung „Aftonbladet“ wenige Tage zuvor erschienen war. Der dänische Fotograf Crispin Parelius Johannssen hatte bei FEI-Worldcup-Turnieren in Neumünster und Amsterdam zuvor Fotos geschossen. Auf den von „Aftonbladdet verbreiteten Bildern sind drei Pferde mit jeweils blauer Zunge zu erkennen. Die Reiter: Patrick Kittel, Isabell Werth und Charlotte Fry. Die Autorin des schwedischen Artikels bittet die Reiter um eine Stellungnahme. Patrik Kittel spricht von einer Standaufnahme, die kein repräsentatives Bild des gesamten Rittes zulasse. Charlotte Fry antwortet gar nicht. Isabell Werth möchte sich so lange nicht äußern, bevor sie die RAW-Daten der Bilder bekommt. Zur Erklärung: An den RAW-Daten lässt sich erkennen, ob die Fotos verändert worden sind.

So weit der Stand der Dinge, als ich in unserem Podcast darüber berichte und auch sage, dass ich nicht glaube, dass die Bilder von dem Fotografen gefälscht worden sind.
Die Herausgabe der Originalbilder lehnt die schwedische Journalistin mit dem großen Verlag im Rücken jedoch später ab – aus journalistischer Sicht übrigens eine nachvollziehbare Entscheidung. Genauso nachvollziehbar wie der Wunsch von Isabell Werth, die Originaldaten der Bilder zu sehen.

Nachdem die Anwaltsmail hier gelandet ist, recherchiere ich kurz, wer überhaupt im deutschsprachigen Raum darüber berichtet hat: Bei der Reiter Revue war ein Artikel online, doch bei Google ist nur noch dessen Überschrift sichtbar. Beim Klick auf den Link öffnet sich eine Fehlerseite, der Bericht ist also offenbar offline genommen worden – nur ein kurioser Zufall?

Bis vor Kurzem abrufbar, nun aber auch verschwunden, ist ein Bericht beim St. Georg: Dort wird darüber nachgedacht, ob und wenn ja welche Blautöne der fotografierten Zungen realistisch sind. Zum Vergleich werden die Fotos in unterschiedlichen Blautönen gezeigt. Im St. Georg wie auch im schwedischen Aftonbladet ist nachzulesen, dass der Fotograf Crispin Parelius Johannssen sein tägliches Geld nicht mit Sportveranstaltungen verdient. Im Gegenteil: Wenn er bei diesen Veranstaltungen anwesend ist, wird er offenbar eher von Stewards an den Rand gedrängt, weil bekannt ist, dass er auch die unschönen Bilder zeigt – im Gegensatz zu den meisten Fotografen, die sich auf Turnierfotos spezialisiert haben. Nach dem Lesen des Berichts im St. Georg bleibt bei mir der Eindruck zurück, dass es „50 Shades of Blue“ von Pferdezungen gibt, die diskutiert werden. Warum der Artikel nicht mehr abrufbar ist? Möglich, dass auch in Hamburg ein Brief vom Berliner Promi-Anwalt gelandet ist? Übrigens: Auch der damals dazu veröffentlichte Kommentar ist nicht mehr abrufbar.

Isabell Werth. Foto: Kerkla/istock.com

Doch jetzt muss eine Entscheidung zum Anwaltsschreiben her: Nehme ich unseren Podcast offline, dann wäre die Angelegenheit vermutlich erst einmal erledigt. Allerdings: Es ist gut möglich, dass ich von Isabell Werths Anwalt eine Rechnung erhalte. Da können schnell knapp 1.000 Euro zusammenkommen. 1.000 Euro sind für mich als „Ein-Frau-Verlag“ eine Menge Geld. Trotzdem regt sich das Widerstands-Gen in mir: Ich habe nach bestem Wissen berichtet, auch der Position von Isabell Werth im Podcast ausreichend Platz eingeräumt, sogar noch Verständnis dafür geäußert, dass sie die Originaldaten sehen will.

Also greife ich zum Telefonhörer und rufe den Kölner Medienrechtsanwalt Markus Kompa an. Der schnaubt empört, als ich ihm von der knappen Frist von zweieinhalb Stunden erzähle. Trotzdem landet beim Berliner Rechtsanwalt pünktlich unsere Erklärung: Der Podcast bleibt online. Als Antwort folgt eine Mail von der Gegenseite, die erstaunlich wenig fachspezifische juristische Formulierungen enthält, dafür aber mit dem Hinweis versehen ist, dass Markus Kompa mir doch bitte erklären soll, wie teuer das alles werden kann. Wir bleiben bei unserer Position, der Podcast ist weiterhin hörbar. Jetzt heißt es abwarten, denn je nach Gericht hat Isabell Werths Anwalt nun ein bis drei Monate Zeit, um tatsächlich eine Klage einzureichen – eine Unterlassungserklärung verlangte er übrigens nicht.

Wenige Tage später: Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht ein Interview mit Isabell Werth (leider hinter einer Bezahlschranke). Geführt wird es von Gabriele Pochhammer, der Herausgeberin des St. Georg. Interviewort: Riad, wo gerade das FEI Worldcup-Finale ausgetragen wird. Die Journalistin fragt die Dressurreiterin auch nach den in der schwedischen Tageszeitung Aftonbladet veröffentlichten Bildern. Isabell Werths Antwort: „Die Bilder sind manipuliert. Quantaz hatte weder eine blaue noch eine dunkelblaue Zunge, das hat auch die anschließende offizielle Gebisskontrolle gezeigt. Ich habe einen Anwalt damit beauftragt, gegen diese Berichterstattung rechtliche Schritte einzuleiten, da es sich um falsche Tatsachenbehauptungen handelt. Das Ziel ist es, den Artikel offline zu stellen.“

Wobei aus meiner Sicht noch einige Fragen offenbleiben: Kann ein Reiter auf dem Pferderücken überhaupt die Pferdezunge sehen? Kann der Steward eine blaue Zunge vielleicht deshalb nicht erkennen, weil, wenn der Druck mit dem Gebiss aufhört, das Blut wieder ungehindert fließen und die Zunge so schnell wieder eine normale Farbe annehmen kann? Und würde ein Steward zu Isabell Werth sagen: Sorry, Ihr Pferd hat eine blaue Zunge, da müssen Sie disqualifiziert werden?

Beim FEI Worldcup-Finale erreicht Isabell Werth mit dem 14-jährigen Quantaz den dritten Platz. Auf Platz zwei ist Nanna Skodborg Merrald, den ersten Platz sichert sich Patrik Kittel. Mit Tränen in den Augen nimmt er den Preis entgegen. Während der Siegerehrung streckt sein Pferd Touchdown für Sekunden die Zunge seitlich zum Maul heraus. Mein Reitlehrer (nicht nur) in Kindertagen hätte mich für eine solche harte Hand vom Pferd geholt. In FEI-Gefilden bleibt das hingegen eine unkommentierte Pferde-Reaktion.

Während ich noch etwas ungläubig die Aufzeichnung der Siegerehrung verfolge, höre ich wieder das Pling meines Mailpostfachs. Markus Kompa leitet mir ein neues Schreiben von Isabell Werths Anwalt weiter mit der Bemerkung: „Er gibt nicht auf.“ Zum dritten Mal werde ich aufgefordert, den Podcast offline zu stellen, sonst gehe die Sache vor Gericht. Bis zum 2. Mai, 18 Uhr, darf ich mich entscheiden. Ich seufze und trauere einen Moment den knapp 1.000 Euro nach, die das vorgerichtliche Geplänkel mit Isabell Werths Anwalt bisher gekostet hat. Die Antwort an meinen Anwalt ist dennoch kurz und knapp: „Wir geben auch nicht auf.“

Markus Kompa formuliert also ein weiteres „Abwehrschreiben”, Zitat: „Wenn Sie einem Gericht etwas vom Pferd erzählen möchten, fordere ich Sie hiermit zur Vorlage auch dieses Schreibens auf und erkläre mich hiermit als zustellungsbevollmächtigt.”

Bisher (Stand 23.05.24) haben wir noch nichts Weiteres gehört. Doch das könnte sich ja noch ändern. Es bleibt also spannend. (Claudia Sanders)