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Standpunkt: Wehe, wenn sie losgelassen werden!

Hin und wieder berichten die Dressur-Studien – zumindest online – auch über Fälle von Tierquälerei. Je nach Fall verlinken wir entsprechende Polizeimeldungen oder erstellen eine kurze Notiz, wie in dem Fall des italienischen Springreiters, der während eines Turniers einen Hund verbrannt haben soll.  Der Fall ist unglaublich und lässt einen fassungslos zurück, staunend, zu was Menschen, in dem Fall auch noch ein Reiter, fähig sind.

Verlinken wir solche Meldungen auf Facebook, dann lässt sich mit schöner Regelmäßigkeit vorhersagen was passiert: 1. Entsetzen. 2. Forderung, dasselbe möge mit demjenigen geschehen, der das dem Tier zugefügt hat 3. jedwedes rechtsstaatliche Verhalten wird empört zurück gewiesen 4. Lynchjustiz als gute Option betrachtet 5. Aufrufe zur Mäßigung und Erklärung, warum wir uns an geltendes Recht halten, werden mir als Chefredakteurin (denn ich stelle diese Meldungen immer online) als Kumpanei mit möglichen Tätern vorgehalten. Spätestens beim letzten Punkt muss dann auch ich einmal schlucken.

Nutzen wir doch diesen Vorfall, um einmal zu erklären, nach welchen Grundsätzen wir in solchen Fällen berichten. An erster Stelle steht da der deutsche Pressekodex. Dazu gehören:

1. So lange ein Täter nicht verurteilt ist, ist er ein TatVERDÄCHTIGER.

2. Hat aus Gründen des Persönlichkeitsschutz keine Berichterstattung mit vollen Namen zu erfolgen.

Und nur weil einige andere Medien sich nicht darum kümmern und diese Grundsätze ignorieren, heißt das noch lange nicht, dass wir das auch so machen.

3. Berichten wir über keine Fälle, die nicht von mehreren unabhängigen Quellen bestätigt worden sind, das war hier der Fall. Dennoch bleiben wir im Konjunktiv, weil eben noch keine Verurteilung vorliegt.

 

Entscheide ich nun, dass eine solche Meldung bei uns publiziert wird, ist eines gewiss: Der Tag ist versaut, denn die nächsten Stunden kann ich am Rechner die Facebook-Kommentare beäugen und alle die „wunderbaren Aussagen“ löschen, die strafrechtlich relevant werden könnten. Denn dafür muss am Ende ich als Betreiberin dieser Facebookseite im Zweifelsfall gerade stehen. Und dazu gehören: Aufruf zu Gewalttaten, zur Lynchjustiz, Verleumdungen und all die anderen Dinge, die manche in ihrer selbstgerechten Empörung in die Tasten hauen.

Bevor Sie mich falsch verstehen: Natürlich steht es Ihnen frei zu formulieren, wie abscheulich und grässlich dieser Vorfall ist.Der Maßstab ist hier die Meinungsfreiheit. Dem Tatverdächtigen beispielsweise eine lange Gefängnisstrafe zu wünschen, ist völlig in Ordnung und legitim. Ihm dasselbe anzudrohen, was er dem Hund angetan hat, ist es nicht. So weit zu der einen, formalen Seite.

Die andere Seite ist die moralische. Dass einem mehr als nur unschöne Gedanken in den Kopf kommen, wenn eine solche fürchterliche Tat bekannt wird, ist verständlich. Und wer im Gespräch mit Freunden und Bekannten seine Meinung – und sei sie auch noch so radikal- äußert, wird vermutlich auf Verständnis stoßen. Aber, wie enthemmt und frei von jeglichen Beißhemmungen müssen Menschen sein, wenn sie auf unserer öffentlichen Facebookseite zum Mord aufrufen? In allen Farben schildern, was mit dem Tatverdächtigen geschehen soll? Mit solchen Aussagen wird sich auf das selbe Niveau gestellt, wie der Tatverdächtige: Alle Hemmschwellen werden fallen gelassen, das Unmögliche erscheint plötzlich möglich. Und so sind die Schreiber plötzlich genauso enthemmt, wie die Täter, die Tiere quälen.

Und wer glaubt allen Ernstes daran, dass diese Schreiber wie umgewandelt sind, wenn sie zu ihrem Pferd gehen? Dann sind sie die Ruhe selbst? Diszipliniert? Fair zum Pferd? „Selbstverständlich“, mag nun der ein oder andere entgegnen, schließlich seien ja nur Tierquäler hassenswert. Doch Hass und Hemmungslosigkeit beschränken sich in aller Regel ja nicht nur auf eine Gruppe, sondern mutieren schneller zu Charaktereigenschaften als einem lieb ist. Was kommt als nächstes, wer ist dann hassenswert? Die mit der „falschen Religion“ oder der „falschen Hautfarbe“? Wer den Vergleich für übertrieben hält, möge einen Blick in die Geschichtsbücher des vergangenen Jahrhunderts werfen.

Auch in Zukunft werde ich ganz stoisch alle Gewaltaufrufe und Co. von unserer Facebookseite löschen. Denn der Respekt vor dem Leben hat keine Grenzen. Entweder er ist da oder eben nicht. Oder haben Sie schon einmal jemanden gesehen, der nur ein „bisschen“ schwanger ist? (Claudia Sanders)

 

 

 

 

6 Responses

  1. Conny
    | Antworten

    Mich stört die Formulierung „selbst Pferdemenschen“. Wir sind (leider) keine besseren Menschen, obwohl mancher gerne davon ausgehen möchte, das wir mehr Mitgefühl für die lebende Kreatur haben.
    Eigentlich müsste es doch völlig ausreichen einfach nur Mensch zu sein, um solche Greueltaten zu vermeiden. Leider nicht!

  2. Jules
    | Antworten

    Ein sehr guter Beitrag. Danke.

  3. Stefanie Seitz
    | Antworten

    Hallo Frau Sanders,
    ich bedanke mich für Ihren Artikel sowie Ihre Arbeit im allgemeinen und stimme Ihnen in allen Punkten voll zu. Mich wundert nur, dass es statt des „gefällt mir“ Buttons keinen „gefällt mir nicht“ Button gibt und die Möglichkeit in den sozialen Netzwerken, seinen Abscheu genau darüber auszudrücken und dann eben auch die Kommentarmöglichkeit – aus oben genannten Gründen – einfach abzuschalten. So würde deutliche Ablehnung möglich, ohne unqualifizierte Beiträge veröffentlichen zu müssen. Vielleicht könnte dies Ihre Arbeit sogar etwas erleichtern? Ich denke weit über 90 % der Kommentare in den Netzwerken sind überflüssig und polemisch. Ein Daumen hoch oder runter würde doch viel deutlicher Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken, oder?

  4. Stephanie Kreis
    | Antworten

    Schön geschrieben.
    Du drückst genau das aus, was ich bei solchen Hassreden immer denke und nie so deutlich formulieren konnte.
    Wer dazu in der Lage ist, so radikal und aggressiv und grenzenlos zu sein, macht auch in seinem Wahn nicht halt vor den eigenen Schutzbefohlenen.

    Wenn sich selbst Pferdemenschen so furchtbar benehmen, sehe ich für den Weltfrieden schwarz…

  5. Zita
    | Antworten

    Schön, dass mal jemand dieses Thema zur Sprache bringt. Ich bin oft sehr schockiert, welch Strafe so manch Nutzer von Sozialen Netzwerken einem Tierquäler antun würde. Allerdings sollte man niemanden etwas wünschen, was man selber nicht ertragen könnte.

    Eine Tierquälerei sollte eben in einem Rechtsstaat, wozu würden wir sonst in einem Rechtsstaat leben, entsprechend geahndet werden und nicht über Lynchjustiz, wie so viele FB-Nutzer wünschen. Eine angemessene Diskussion über solche Themen ist immer sehr horizonterweiternd und bereichernd, aber reine Hass-Tiraden bringen uns ja nicht weiter. Vor allem, wo so viele Leute wegschauen, wenn direkt vor der Haustüre oder im eigenen Stall Gewalt angewandt wird. Man sollte doch bei sich zu Hause mit der Ahndung von Gewalt beginnen und nicht irgendwo bei fremden Menschen. Dafür sind andere Personen zuständig, welche in unserem Rechtsstaat für Ordnung sorgen.

    Frau Sanders, vielen Dank, dass Sie dieses Thema so offen angesprochen haben. Ich war angesichts der vielen Hass-Tiraden des oben genannen Artikels schockiert und beinahe schon angewiedert. Für so etwas ist in meiner Meinung nach in sozialen Medien kein Platz!

  6. Karl Kirschnick
    | Antworten

    Hallo Frau Sanders,
    die Bilder habe ich gesehen, mein Unverständnis/Entsetzten über den Täter und die Tat habe ich gespürt, die falschen Kommentare zu diesen Dingen habe ich dank Ihrer Arbeit aber nicht lesen müssen.
    Von daher empfinde ich eine gewisse Bewunderung über Ihre Arbeit. Zum einen will man der Welt zeigen, was so nicht geht und so nicht passieren darf, andererseits wissen Sie ja scheinbar genau, was Sie damit auslösen.
    Ich finde Ihren Kommentar genau richtig!

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