Mit einem Donnerschlag landete dieser Tage eine Mail beim Reiterverein Höven in Wardenburg. Absender des sechsseitigen Schreibens ist das Veterinäramt des Landkreises Oldenburg – mit der Ankündigung weitreichender Auflagen für zwei Vereinsturniere, die in dieser Woche stattfinden sollen.
Doch der Reihe nach. Mit dem Schreiben wird dem Reitverein Gelegenheit zur Anhörung geboten, bevor das Veterinäramt zahlreiche Auflagen erlassen will.
Kern der geplanten Maßnahmen ist das konsequente Umsetzen der Leitlinien zum Umgang mit Pferden unter Tierschutzgesichtspunkten. Dazu gehört unter anderem, dass nur geeignete und ausreichend trainierte Tiere eingesetzt werden dürfen und kranke, verletzte oder auffällige Pferde konsequent von der Veranstaltung ausgeschlossen werden.
Besonders deutlich wird das Amt bei sichtbaren Anzeichen von Belastung: Pferde mit Blutungen, Verletzungen im Maul- oder Kopfbereich oder Auffälligkeiten im Verhalten, wie auch Stressanzeichen, sollen umgehend aus dem Wettbewerb genommen werden. Genauso wird der Einsatz von Ausrüstung wie Gebissen oder Sporen ausdrücklich an tierschutzgerechte Voraussetzungen geknüpft. Und: Bei der Ausrüstung wie Sätteln und Zaumzeug ist vorab die Passform zu überprüfen.
Das Veterinäramt begründet die Auflagen mit den besonderen Belastungen im Turniersport. Transport, fremde Umgebung und Leistungsdruck stellten ein erhebliches Stresspotenzial dar. Vor diesem Hintergrund sei es notwendig, Mindeststandards verbindlich festzulegen, um Schmerzen, Leiden oder Schäden zu vermeiden.
Rechtlich stützt sich die Behörde auf § 16a des Tierschutzgesetz, der auch präventive Maßnahmen erlaube. Demnach müssen Verstöße nicht erst eingetreten sein – es genüge die konkrete Möglichkeit eines tierschutzwidrigen Geschehens.
Auffällig ist, dass das Amt den sofortigen Vollzug der Auflagen anordnet – selbst wenn rechtlich dagegen vorgegangen werden würde. Begründet wird dies mit dem besonderen öffentlichen Interesse am Tierschutz, der in Deutschland Verfassungsrang hat.
Das Schreiben macht deutlich: Die Behörde will nicht erst reagieren, wenn Probleme auftreten, sondern setzt bereits im Vorfeld einen engen Rahmen für den Umgang mit Pferden im Turniergeschehen.
Das ist nicht das erste Schreiben, das der Vorstandsvorsitzende des Reitervereins Höven, Jörn Bittner, vom Veterinäramt erhält. Beim ersten Brief, wenige Tage zuvor, ging es um Stallzelte. Doch das Thema sei geklärt worden. Jetzt also die weiteren Aufforderungen, verbunden mit möglichen Bußgeldforderungen bis zu einer Höhe von 25.000 €: Der Vereinsvorsitzende hat klug die Möglichkeit zur Anhörung genutzt: „Ich habe ein sehr konstruktives Gespräch mit der Mitarbeiterin des Veterinäramtes geführt und sie zu unseren Veranstaltungen eingeladen, denn schließlich geht es auch uns um das Wohlergehen unserer Pferde“, so Jörn Bittner. Wichtig sei ihm ein offensives Herangehen gewesen und nicht einfach abzuwarten, was passiere. Ob das Veterinäramt Oldenburg tatsächlich Mitarbeiter zu den beiden Turnieren schickt, ist noch ungewiss.
Standpunkt:
Auf den ersten Blick ist es „nur“ ein Schreiben eines Veterinäramtes. Wer genauer hinschaut, erkennt darin den Auftakt zu einer Entwicklung, die den Turniersport grundlegend verändern kann. Die Botschaft ist eindeutig: Das öffentliche Interesse an einem pferdegerechten Sport wiegt schwerer als das Interesse, Wettkämpfe wie bisher durchzuführen.
Ob die juristische Konstruktion trägt, die sich nur auf eine abstrakte Gefahr ohne konkreten Einzelfall stützt, werden im Zweifel Gerichte klären. Besser wäre, es kommt gar nicht so weit.
Denn das eigentliche Problem liegt woanders. Wer jetzt noch glaubt, er könne sich wegducken, beschwichtigen oder weiterlaufen lassen, hat die Lage nicht verstanden. Grobes Reiten, Blut am Pferd, offensichtliche Grenzüberschreitungen – all das wird seit Jahren diskutiert. Und ebenso lange wird zu wenig konsequent gehandelt.
Ich weiß nicht, wie lange das schon angemahnt wird. Ich könnte mir diese Sätze längst als Textbaustein abspeichern – so oft habe ich sie in den vergangenen 21 Jahren geschrieben. Jetzt ist es höchste Zeit, sie nicht nur zu lesen, sondern endlich umzusetzen.
Ein Blick in die öffentliche Debatte reicht, um zu sehen, wie ernst die Lage ist. Tierschutz ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Geduld wird kleiner, die Aufmerksamkeit größer.
Wenn der Pferdesport nicht selbst für klare Regeln und deren Durchsetzung sorgt, werden es andere tun. Und dann wird es nicht bei sechsseitigen Schreiben bleiben.
Die Zeit des Herumlavierens ist vorbei. (cls)
