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Klaus Zeeb: Wie das Pferd den Menschen spiegelt

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Wie funktioniert Motivation eigentlich genau, mit den Augen eines Wissenschaftlers gesehen? Für die Dressur-Studien erklärt der Stuttgarter Verhaltensforscher und Veterinärmediziner Professor Dr. Klaus Zeeb, was Mensch und Pferd zu ihren Handlungen treibt. Klaus Zeeb beschäftigt sich seit über fünfzig Jahren mit dem Verhalten von Haus- und Wildtieren und hat dazu zahlreiche Fachartikel, Bücher und Filme veröffentlicht. Besonders hat er Pferde beobachtet – im Umgang mit Artgenossen und bei der Arbeit mit Menschen.

 

Der Begriff der Motivation wird in der Wissenschaft höchst unterschiedlich gesehen. Beim Reiten aber geht es um eine besondere Situation: Hier will zuerst der Mensch etwas mit dem Pferd tun. Im einfachsten Fall heißt das: Der Mensch tut etwas und das Pferd reagiert darauf. Weil es sich bei dieser Interaktion um zwei völlig verschiedene Lebewesen handelt, wird sich ihre Motivation ebenfalls unterscheiden. Um die Unterschiede der Motivation bei Mensch und Pferd herauszuarbeiten, hilft die Verhaltensbiologie. Sie bezeichnet Motivation als „Antrieb, Stimmung, Tendenz, Gestimmtheit, Bereitschaft zur Ausführung eines bestimmten Verhaltens oder auch Handlungsbereitschaft“. Die Motivation aktiviert das Verhalten des Organismus auf arttypische Weise, entsprechend der Stammesgeschichte. Gleichzeitig hat auch die Entwicklung des Individuums Einfluss – der Einzelne handelt entsprechend der jeweiligen Situation, um sein inneres und äußeres Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Der Verhaltensbiologe Prof. Dr. Rolf Gattermann beschreibt das so: „Die Motivation ist eine Zustandskomponente, die neben den Außenreizen das aktuelle Verhalten eines Tieres bestimmt.“ Bei der Analyse der Motivation von Menschen, die alle die gleiche Stammesgeschichte haben, helfen Befragungen weiter. Im Falle von Mensch und Pferd ist das anders. Beide haben eine ganz unterschiedliche Entwicklungsgeschichte und Fragen helfen beim Pferd nichts. Stammesgeschichtlich ist der Mensch ein sozial lebender Allesfresser, der sich infolge seiner hohen mentalen Fähigkeiten weitgehend von den angeborenen Antrieben gelöst hat. Hingegen ist das Pferd als Pflanzenfresser in seinem Sozialleben und bei dem Vermeiden von Gefahren noch weitgehend abhängig von seinen angeborenen Antrieben. Außerdem gibt es natürlich noch eine Vielzahl weiterer Verhaltensbereiche, diese beiden aber stehen bei der Kommunikation zwischen Mensch und Pferd im Vordergrund. Kurz gesagt: Das Pferd ist ein hoch spezialisiertes Fluchttier, das seine Sicherheit im Herdenverband findet. Mensch und Pferd sind also aus der Sicht der Motivation völlig verschieden. Immerhin haben sie gemeinsam, dass sie sich als sozial lebende Spezies entwickelt haben. Das Pferd wird in erster Linie durch seine Ansprüche bei der Futteraufnahme, beim sozialen Zusammenleben und bei der Gefahrenvermeidung motiviert. Vor allem aber: Von seiner Natur her braucht das Pferd den Menschen nicht. Dagegen kann die Motivation des Menschen im Zusammenhang mit dem Pferd sehr verschiedenartig sein: Es gibt den Wunsch nach einem menschlichen Ersatzpartner oder nach einer echten zwischenartlichen Partnerschaft, nach dem Sportkameraden oder nach dem Besitz eines herzeigbaren Wertobjektes – vergleichbar mit einem teuren Auto, zur Befriedigung der menschlichen Eitelkeit. Wenn nun Mensch und Pferd etwas gemeinsam tun, dann wird es den besten Erfolg haben, wenn die unterschiedliche Motivation beider in Richtung Gemeinschaftlichkeit entwickelt wird. Dafür bietet sich der Begriff ‚Partnerschaft‘ an.

 

Verschiedene Kategorien des Erlebens

Motivation bezeichnet den Antrieb des Verhaltens von Lebewesen. Was aber ist Verhalten eigentlich? Es ist beispielsweise ein Mittel, um sich mit der Umgebung aus einander zu setzen. Die Umgebung produziert Reize, die auf das Tier einwirken. Je nach Zustand des Lebewesens reagiert dieses auf äußere Reize unterschiedlich. Das hängt auch von seiner inneren Reizsituation ab: dem Zustand des zentralen Nervensystems, den Hormonen oder dem Nährstoffgehalt des Blutes. Ein sattes Pferd, das im Blut kein Nährstoffdefizit hat, ist an Futter nicht interessiert – im Gegensatz zu einem hungrigen Tier. Die Verhaltensweise der Futteraufnahme ist also die Antwort auf den inneren Antrieb und auf den Reiz des vorhandenen Futters – in diesem Fall ist das eine positive Reaktion. Eine negative Reaktion wäre gegeben, wenn ein Pferd etwa in seinem Gedächtnis den Kontakt mit der Reitgerte als unangenehmes Erlebnis gespeichert hat. Dann wird es die Reitgerte zu vermeiden suchen. Grundsätzlich unterscheiden Lebewesen zwischen angenehmem Erleben und unangenehmem Erleben und reagieren entsprechend. Es gibt für Lebewesen noch eine weitere Erlebniskategorie: Das Erleben oder Nichterleben der eigenen Bewältigungsfähigkeit einer Situation. So versucht vielleicht ein Pferd immer wieder mit einer Pferdegruppe Kontakt aufzunehmen, wird aber stets verjagt. Nach vielen vergeblichen Versuchen gibt es auf und bleibt mit allen Anzeichen der Verunsicherung außerhalb der Gruppe.
Für alle höheren Lebewesen – das gilt für Pferd und Mensch – gibt es diese beiden Erlebniskategorien: angenehm – unangenehm und sicher – unsicher. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um Emotionalität. Der jeweilige emotionale Zustand eines Lebewesens ist an seinem Verhalten, insbesondere an seinem Ausdrucksverhalten ablesbar. Das Pferd, das eine schmackhafte Futterbelohnung erhält, nimmt das Leckerli bei nach vorne gerichteten Ohren an. Reicht man ihm eine schlecht riechende Medizin, wendet es sich mit angelegten Ohren ab.

 

Verständigung zwischen dem Menschen und dem Pferd

Artbedingt sozial lebende Tiere fühlen sich nur sicher in Gesellschaft von Artgenossen oder Lebewesen, die sie als Partner akzeptieren. Flucht, Ausweichen und kritische Reaktion dienen der Schadenvermeidung. Solche Reaktionen müssen zu Beginn der Ausbildung durch Vertrauensbildung abgebaut werden. Vertrauen wird daran erkennbar, dass die Meidereaktionen des Tieres gegenüber dem Menschen abgebaut sind. Die Nähe des vertrauten Menschen bedeutet für das Tier Sicherheit, auch in bedrohlichen Situationen. Der Mensch muss dem Tier zum Partner werden. Das stellt hohe Anforderungen an den Menschen: Einfühlungsvermögen, Geduld und Konsequenz, Kenntnis des angeborenen Artverhaltens und des erworbenen Individualverhaltens. Darüber hinaus ist die menschliche Fähigkeit wichtig, mit Hilfe des Ausdrucksverhaltens des Pferdes auf seine Emotionen zu schließen – denn sie machen die jeweilige Motivation aus. Der Mensch muss sich bei der verhaltensgerechten Ausbildung als überlegener Partner des Tieres verstehen, aber nicht durch Anwendung von Gewalt, sondern mit Einfühlungsvermögen, Geduld und Konsequenz.

Die arttypische Reaktion des Tieres und die moralische Einstellung des Menschen bilden die Ausgangsposition bei der Mensch-Tier-Beziehung. Dazu kommen die speziellen Faktoren in Bezug auf das Tier: Herkunft, Alter, Geschlecht, soziale Rangstellung, Gesundheitszustand und Befindlichkeit. Weiter Art und Stand der Ausbildung, nicht zu vergessen die Umgebungssituation. Der Mensch macht sich dem Pferd gegenüber durch Hilfen verständlich. Hilfen sind Reize, mit denen erwünschte Reaktionen ausgelöst werden sollen. Die Hilfengebung muss verständlich, konsequent und mit dem geringst möglichen Aufwand erfolgen und darf im Grundsatz keine Schmerzen verursachen. Zu den Hilfen gehört die Stimme, die beruhigend, auffordernd, tadelnd sein kann; optische Zeichen, also Körpersprache wie Haltung und bestimmte Bewegungen; Berührung durch Hand, Gerte oder Peitsche; Führung durch die Zügel oder Longe; Gewicht, also die Gewichtsverlagerung beim Reiten; Belohnung durch Futter, Stimme oder Streicheln. Das Tier verknüpft die Hilfengebung mit seinen eigenen Reaktionen und mit der Belohnung als „angenehm“. Gibt es dagegen keine Belohnung, ist dies „unangenehm“.

Lernen kann nur in kleinen Stufen erfolgen. An Neues in der Umgebung und auch an die Hilfen müssen die Tiere langsam, stufenweise und geduldig herangeführt werden. So kann keine Unsicherheit entstehen, weil das Pferd erleben muss, die Aufgabe nicht zu bewältigen. Ausbildung mittels Strafen ist nicht verhaltensgerecht, ineffektiv und tierschutzwidrig: Strafen verunsichern das Tier. Zurechtweisungen sollen daher nur in unumgänglichen Situationen erfolgen. Sie sollen angemessen sein und keine lang dauernden oder sich ständig wiederholenden Schmerzen verursachen. „Fehler“ macht das Tier nur dann, wenn es die Hilfen nicht
verstanden hat, abgelenkt oder überfordert ist oder wenn die Übungen zu oft wiederholt werden. Falls Alter, Körperentwicklung und Verhalten des Tieres für die angestrebten Leistungen nicht geeignet sind, zeigt
das Tier nicht erwünschtes Verhalten. Dies interpretiert der Mensch fälschlicherweise oft als Fehler. Tiere sind nur dann in der Lage, ihre Anlagen in der Arbeit mit dem Menschen voll zu entfalten, wenn sie sich auf arttypische Weise mit ihrer Umgebung in Einklang befinden. Hilfen sollen mittels Körperhaltungen und Bewegungsabläufen des Tieres erreicht werden, die im Rahmen der arttypischen Möglichkeiten liegen. Nur wenn Alter, Körper und Verhalten des Tieres für die angestrebten Leistungen auch geeignet sind, kann das Ziel erreicht werden.

 

Die Folgen der menschlichen Launenhaftigkeit für das Pferd

Ein besonderes Kapitel sind die Launen des Menschen und deren Auswirkungen auf das Pferd. Das Psychologische Wörterbuch (Dorsch) definiert die Laune so: die Stimmung eines Menschen und darüber hinaus die Auswirkung der Stimmung auf Mitmenschen und Umwelt – und damit auch auf das Pferd. Je nachdem, welche Bedeutung das Pferd für den Menschen hat – Ersatzmensch, Partner oder Wertobjekt – wird auch seine jeweilige Stimmung davon beeinflusst sein. Schlecht für das Pferd sind zwei Kategorien der menschlichen Motivation: Das Pferd als ‚zu unterwerfendes Lebewesen‘ und das Pferd als ‚Mitmensch‘ zu sehen. Im Fall des zu unterwerfenden Lebewesens verhält sich der Mensch genau gegenteilig, wie es wünschenswert wäre: Er arbeitet mit dem Pferd unter der Voraussetzung von Misstrauen und wendet Strafe anstatt Belohnung an. Wird das Pferd dagegen als Mitmensch betrachtet, kann das katastrophale Folgen haben. Pferde haben nun mal andere Bedürfnisse als Menschen. Das beginnt schon bei der Haltung. Pferde wollen keinen mollig warmen Stall, sie brauchen eine gut gelüftete Umgebung. Pferde wollen bei der Arbeit nicht ständig bequatscht werden, sie brauchen klare, kurze Anweisungen. Pferde verstehen nicht die Worte des Menschen, sie können Kommandos nur mit solchem Verhalten verknüpfen, das schon einmal abgelaufen ist. Menschen spielen gern mit jungen Pferden. Hat das Pferd beim Spiel gelernt, dass es dem Menschen überlegen ist, kann das – insbesondere bei Hengsten – für den Menschen lebensgefährlich werden. Deshalb ist der oberste Grundsatz beim Umgang mit Pferden: dem Pferd ohne eigene Launenhaftigkeit entgegen zu treten. Fredy Knie sen., der Altmeister der Pferdedressur, hatte die besondere Fähigkeit, seine Launen beim Betreten der Manege abzulegen. Eben noch schritt er verärgert durch die Stallungen, weil mal wieder ein Pferdepfleger schlampig gearbeitet hatte. Doch dann in der Manege zeigte er sich gegenüber seinen Pferden völlig entspannt, als sei nichts gewesen.

Pferde verstehen uns Menschen viel besser als umgekehrt. Vor allem sind sie in der Lage, feinste Zeichen der Körpersprache zu interpretieren, deren der Mensch sich selbst gar nicht bewusst ist. Ein Pferd erkennt sofort, wenn sein Mensch verspannt ist, sei das nun aus Ärger, Wut oder Angst. Ein Pferd liest auch klar an der menschlichen Körpersprache ab, ob der Mensch unsicher ist. Das kann man oft bei Pferdeneulingen erleben, die vom Pferd nicht ernst genommen werden. Besonders stark reagieren Pferde darauf, wenn der Trainer nicht bei der Sache ist, an etwas anderes denkt. Dann gibt er nämlich die Hilfen ungenau und das Pferd versteht nicht, was es tun soll. Oder das Tier nützt die Gelegenheit, sich dem Menschen gegenüber überlegen zu zeigen. Das kann durchaus zu einem zwischenartlichen Rangduell führen. Und es ist sehr schwierig, das wieder auszugleichen.

Dem Menschen, der mit Pferden arbeitet,muss klar sein: Er wird von ihnen überaus exakt beobachtet. Und deshalb darf er sich keine der beschriebenen Fehler oder Launen leisten, wenn die partnerschaftliche Zusammenarbeit harmonisch und zum Wohle beider Lebewesen ablaufen soll.

 

Der Autor Prof. Klaus Zeeb ist Veterinärmediziner und Verhaltensforscher.

Lesetipps:

Verhaltensbiologie: R. Gattermann, Verlag G. Fischer
Wenn Pferde sprechen könnten: I. von Neumann-Cosel, FN-Verlag
Wie man Tiere im Circus ausbildet: K. Zeeb, Verlag Enke Stuttgart

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft