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Interview Klaus Balkenhol

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Was fehlt: Erfahrene Ausbilder, mit viel Verständnis und viel Zeit für das Pferd.

Interview mit dem Olympiasieger Klaus Balkenhol

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Klaus Balkenhol, wie ihn alle kennen, mit Goldstern Foto: privat

Der Dressurreiter Klaus Balkenhol hat so viele Siege zu verbuchen, dass sie sich kaum alle aufzählen lassen. Einer der wichtigsten ist die Olympiamedaille in der Mannnschaftswertung bei den Olympischen Spielen in Barcelona. Heute (im Jahr 2006) ist er der Coach der amerikanischen Dressurreitermannschaft. Für die Dressur-Studien sprach Claudia Sanders mit dem Olympiasieger.

Wann sollte ein junges Pferd angeritten werden?

Das Wesentliche ist der Reifegrad eines Pferdes, und dass man erkennt, wann ein Pferd stark genug ist, um die Aufgabe zu erfüllen, die man von ihm verlangt. Dabei ist es egal, welche Aufgabe das ist, allein das Longieren stellt schon einen gewissen Anspruch an das Pferd, auch dazu muss es schon reif sein.
Das eine Pferd ist vier Jahre und zu schwach, um angeritten zu werden und das andere, dreijährige ist stark genug. Ich habe sogar schon Zweieinhalbjährige gesehen, die angeritten worden sind, als Junghengste, die wirklich den Takt gefunden haben und schon ausbalanciert waren. Wobei das eher die Ausnahme ist.
Ich muss den Reifegrad danach beurteilen, wann ich das Pferd in Form bringen kann, um an den Satz zu erinnern: „Der Reiter formt das Pferd“ – es muss in Form sein, das heißt, es muss genug Kraft haben für die Aufgaben, vor die es gestellt wird.

 

 

Welche Voraussetzungen muss das junge Pferd mental mitbringen, bevor es angeritten werden kann?

Es muss natürlich auch vom Kopf her entsprechend vorbereitet sein, es muss großes Vertrauen haben zum Ausbilder und zu seiner Umgebung, zu den Ausrüstungsgegenständen, Trense, Sattel, Halle, Longierzirkel. Alle diese Dinge müssen bekannt sein. Nur wenn diese Voraussetzungen alle stimmen, kann man auch zu einem guten Ergebnis kommen.

Muss man bei der Grundausbildung schon die spätere Spezialisierung des Pferdes im Blick haben?

Es ist egal, wofür das Pferd tatsächlich hinterher eingesetzt wird, die ersten Ausbildungsjahre sind generell dafür da, das Pferd stark genug zu machen. Erst dann folgt die Spezialisierung. Die ersten beiden Jahre müssen dazu dienen, das Pferd muskulär so stark zu machen, dass es aushalten kann, was der Reiter hinterher von ihm will: Ob das nun für den Freizeitreiter ist, oder für den Leistungssport, jedes Pferd sollte eigentlich diesen Weg gehen.

Was halten Sie davon, wenn Freizeitreiter ihre Pferde anreiten?

Heute fehlen uns ja sehr viele gute Ausbilder, andererseits gibt es aber viele gute Pferde, die nicht alle von guten Ausbildern begleitet werden können. Deswegen geschieht es wohl auch, dass ein Freizeitreiter sich ein Pferd kauft und mit ihm alleine anfängt zu arbeiten. Und da ist es schon sehr wichtig, eine Schulung zu machen, wie wir das gelegentlich auch anbieten: Den Leuten erzählen, worauf es eigentlich ankommt, bei der Ausbildung eines jungen Pferdes, damit wenig Fehler gemacht werden. Fehler machen wir alle, nur der Grundsatz, dass ein Fehler, wenn er gemacht worden ist, dem Pferd gegenüber nicht ein zweites Mal gemacht werden darf, der sollte immer beherzigt werden. Deswegen sollte ein erfahrener Mann immer an der Seite eines Freizeitreiters stehen. Im Freizeitreiterbereich ist es so, da brauchen die Pferde nicht am Zügel gehen, werden so ins Gelände geritten. Gefährlich wird es, wenn Freizeitreiter glauben, sie wären große Dressurausbilder und fangen an, ihre Pferde zu knebeln, mit Hilfszügeln, mit technischen Mitteln, da wird es gefährlich, da geht es schon so ein bisschen an den Tierschutz.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenig gute Ausbilder in Deutschland?

Wir haben eigentlich in Deutschland ein sehr, sehr gutes Ausbildungssystem, aber wenn man sich so die Prüfungsstellen anschaut, Münster beispielsweise, wo die Bereiter ihre Lehre mit einer Prüfung beenden, dort sieht man schon schlimme Bilder. Da sind dann viele Bereiter noch gar nicht in der Lage, ein gutes, junges Pferd auszubilden, die Erfahrung nach drei Lehrjahren ist einfach nicht genug. Es müssen erfahrene Ausbilder sein, die zehn bis 20 Jahre auf dem Buckel haben bei der Ausbildung von Pferden. Die haben auch das Know-How, ein junges Pferd dahin zu bringen, dass kein Schaden entsteht, auf dem Weg zu einer alten Remonte. Das Ausbildungsniveau eines L-Pferdes sollte eigentlich jedes Pferd haben.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Ich weiß nicht, wie man dem Problem begegnen kann. Aber wenn ein Ausbilder in irgendeiner Reitschule ist, dann muss er 40 Pferde einstellen, damit er überhaupt leben kann. Aber er kann sie nicht alle reiten. Da bleiben manche Pferde leider, leider auf der Strecke.

Die Ausbilder haben also zu wenig Zeit für das Pferd?

Natürlich, Zeit spielt ja die erste Rolle in der Ausbildung eines jungen Pferdes. Der Zeitfaktor ist das Wichtigste, und wenn die Ausbilder keine Zeit haben, dann geht das nicht. Wenn Sie bedenken, dass das Pferd 23 Stunden am Tag in der Box steht und dann der, der im Büro gesessen hat, nach Hause kommt und jetzt mal „eben“ zu seinem Pferd geht. Das kommt dann eine halbe bis eine Stunde raus und dann wieder in den Stall. Da können sie sich vorstellen, dass ein Pferd sich in dieser kurzen Zeit einfach nicht loslassen kann. Außerdem: Die nötige Bewegung ist ja eigentlich das Wichtigste überhaupt in der Ausbildung des Pferdes. Wer sein Pferd optimal halten möchte, sollte mindestens eine Paddockbox mit einem großen Auslauf haben. Wenn es dann noch einen großen Platz gibt, wo das Pferd mal so richtig galoppieren und ausatmen kann, um so besser.

Was sind die häufigsten Fehler, die gerade in der ersten Phase gemacht werden?

Bei jungen Pferden ist der häufigste Fehler, dass man sich nicht genügend Zeit nimmt in der Vorbereitung. Das heißt also nicht, dass man das Pferd in der Bahn stehen hat, sondern in der Vorbereitung, bis das Pferd erst einmal in der Bahn ist. Bis dahin muss sehr, sehr vieles geleistet werden. Das Pferd muss sehr viel Vertrauen im Umgang haben. Der, der es führt muss Vertrauen ausweisen und das Pferd sollte zu ihm auch Vertrauen haben. Außerdem – wie gesagt – Vertrauen zu den Ausrüstungsgegenständen, zu der Umgebung, das sind alles Dinge, die berücksichtigt werden müssen.

Außerdem muss darauf geachtet werden, das Pferd auf keinen Fall zu überfordern. Schwache Pferde lassen das schneller mit sich machen als starke Pferde – Pferde, die im Kopf das gewisse Etwas haben. Dieses Problem darf man nicht unterschätzen. Diese starken Pferde sind natürlich auch schwach, sie machen ein paar Luftsprünge, verpulvern ihre Kraft und sind dann körperlich schwach. Andererseits sind sie aber sehr stark im Charakter und wollen sich auch immer beweisen. Das sind sogenannte Alphatiere, die in einer Herde groß geworden sind, die dort auch schon Boss waren. An muss sich also im vorher darüber im klaren sein: Wo kommt mein Pferd her, wo ist es aufgewachsen, welchen Umgang hat das Pferd gehabt?

Wenn die Voraussetzungen stimmen, dann muss man mit der Kraft des Pferdes vorsichtig umgehen, eben damit es nicht überfordert wird. Wenn ein zweieinhalbjähriger Junghengst aufgepowert, gemästet ist und aussieht wie ein Achtjähriger. Oder Pferde, die für die Auktion aufgefüttert sind und schon geritten werden und die Auktionatoren begeistert sind, wenn sie Schwebetritte machen und dann von einer „Passage“ sprechen. Dabei sind die Pferde total überfordert, psychisch und vom Körperbau her. Diese hervorragenden Pferde, die wir hier sehen, sind hinterher mit der Überforderung nicht fertig geworden, machen das drei- und vierjährig vielleicht noch mit, aber dann sechs-, siebenjährig sind sie dann meistens kaputt, haben Schäden an Knochen. Es ist mein Anliegen, den Menschen begreiflich zu machen, dass das junge Pferd – so wie es früher eben auch gemacht worden ist – eine Zeit als junge Remonte und eine als alte Remonte verbringt, mit erfahrenen Ausbildern. Es muss nicht der erfahrene Ausbilder zu Pferde sitzen, es reicht, wenn er unten steht und sagt: „Hör mal zu, du musst das so und so machen.“ Der Ausbilder muss derjenige sein, der alles begleitet und beobachtet und dann auch mal sagt: „Halt, stopp, mein Junge, du hast nicht den Weg eingeschlagen, den dein Pferd einschlagen sollte und du bist zu grob mit deinem Pferd.“

Was wünschen Sie einem jungen Pferd für seine Grundausbildung?

Einen erfahrenen Ausbilder, mit viel Verständnis und viel Zeit für das Pferd.

Herr Balkenhol, vielen Dank für das Gespräch.