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Diana Krischke: Das Rückwärtsrichten in der angewandten Reitkunst

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Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Rückwärtsrichten“

Diana Krischke ist studierte Pferdewissenschaftlerin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel tätig. Ihr Herz schlägt für die historische Reiterei und die angewandte Reitkunst mit allem, was dazu gehört, wie die Jagd, die Falknerei oder der Ritt im Waffengarten. Sie ist zudem Ausbilderin in der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg.

Frau Krischke, welche Rolle spielt das Rückwärtsrichten in der Ausbildung Ihrer Pferde und in Ihrem Unterricht?
Das Rückwärtsrichten ist für mich ein sehr wichtiges und beliebtes Ausbildungstool.
Entsprechend häufig und vielseitig setze ich es ein. Ich kann damit das Pferd lehren, sein Becken mehr abzukippen und ihm helfen, seine Bauchmuskeln zu entdecken und einzusetzen. Das Pferd lernt, fein zuzuhören, weil ich jeden Schritt einzeln erfrage. Rückwärtsrichten ist koordinativ sehr herausfordernd für das Pferd. Richtig umgesetzt, fördert es insofern sein Koordinationsvermögen sowie seine physische und mentale Balance. Manchmal nutze ich es, um das Anhalten zu verbessern. Dazu lasse ich das Pferd aus dem Halt flüssig rückwärtstreten und pariere wieder zum Halten. Die Pferde lernen so, im Halt ihre Form zu behalten und nicht auseinanderzufallen.
Genauso nutze ich es aber auch, um Übergänge zu reiten. Rückwärts – Schritt. Rückwärts – Trab. Rückwärts – Galopp. Damit lege ich beispielsweise den Grundstein für die Piaffe oder fördere so den Galopp, weil das Becken durch das Rückwärts schon abgekippt wird und so die Beugung hat, die es für eine schöne Aufwärtsgaloppade braucht. Ich richte auch gern Muster rückwärts. Das heißt, ich reite das Rückwärtsrichten auch auf Volten und Achten, um beispielsweise zu korrigieren, wenn ein Pferd sein Becken falsch zu einer Seite abkippt oder die Bauchmuskeln unterschiedlich ausgeprägt sind. Wenn ein Reiter weiß, was er durch Rückwärtsrichten alles verbessern und fördern kann, wird er es nicht missen wollen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, bevor Sie das Rückwärtsrichten in die Ausbildung aufnehmen?
Eigentlich keine. Sobald die Pferde verstanden haben, nach links, nach rechts und vorwärts zu gehen, nutze ich auch den Rückwärtsgang. Alois Podhajsky schreibt in seinem Werk „Die klassische Reitkunst“, dass das richtige Rückwärtstreten eine starke Hankenbiegung erfordert. Nun könnte die Schlussfolgerung sein, erst die Hankenbiegung durch Übungen wie die Schulparade zu fördern und dann erst das Rückwärtsrichten zu fordern. Ich nutze aber in meinem Ausbildungskonzept die Lektionen, um etwas zu verbessern. In diesem Fall das Rückwärtsrichten, um die Hankenbiegung zu fördern. Wenn das am Boden klappt, übernehme ich das Rückwärtsrichten auch sehr schnell in die Ausbildung vom Sattel aus.
Es gibt keinen Grund für mich, auf den frühzeitigen Einsatz des Rückwärtsrichtens zu verzichten. Genauso nutze ich beispielsweise den Travers auch bei Pferden, deren Schulterherein noch nicht zu 100 Prozent perfekt ist, um das Schulterherein zu verbessern.

Wie erarbeiten Sie das Rückwärtsrichten mit Ihren Pferden? Wo lauern Fehlerquellen?
Zu Beginn geht es mir darum, dem Pferd zu erklären, wie es am besten lernt. Ich liebe Stimmkommandos und versuche, diese schon am Boden zu etablieren. Über die Stimme lässt sich sehr viel korrigieren. So kann ich ein schleichendes Pferd beispielsweise wacher und ein rennendes Pferd langsamer machen. In klassischer Handarbeitsposition bereite ich die Übung langsam und schrittweise vor. Am Gebiss oder am Kappzaum kann ich dem Pferd die Kopfposition und mit der Gertenhand die Schenkelhilfe erklären. Aber Achtung: Am Gebiss wird wirklich nur die Kopfposition erklärt. Auf gar keinen Fall wird das Pferd in eine Rückwärtsbewegung gezogen! Das ist leider ein häufig zu beobach-tender Fehler. Pferde, die so ausgebildet wurden, rollen sich ein und rennen rückwärts. Das ist aber falsch. Sie sollen flüssig und akzentuiert zurücktreten. Aus dem Sattel heraus kontrolliere ich das über den Sitz und die Schwerpunktverlagerung mit dem Oberkörper.
Ich achte sehr darauf, dass ich wirklich jeden Schritt einzeln kontrollieren und korrigieren kann. Dazu gehört auch, dass die Pferde sich nicht zurücklehnen und dann regelrecht nach hinten drücken, während sie die Vorderbeine nicht mehr senkrecht auf den Boden setzen. Dazu kontrolliere ich bei jedem Schritt die Kopf- und Widerristhaltung des Pferdes. Kommt das Pferd mit dem Kopf zu tief, hilft ein kleiner Zügelarrêt nach oben. Bricht das Pferd zu einer Seite aus, korrigiere ich das über meine Schenkelhilfe oder Schritt für Schritt mit einer Volte, die ich in die andere Richtung reite. Wenn das nicht sofort perfekt aussieht, ist das nicht schlimm. Das Pferd soll sich einfach nur Mühe geben. Jeder gute Ansatz wird gelobt. Zu Beginn nutze ich auch gern die Bande oder ein Stangen-L zur Orientierung.

Sie haben sich in der Hofreitschule Bückeburg der historischen Reiterei verschrieben. Gibt es alte Meister, die das Rückwärtsrichten gar nicht verwendet haben?
Ich kenne keinen alten Meister, der das Rückwärtsrichten nicht verwendet oder sich explizit davon distanziert hätte. Die Meister, die wir intensiv studiert haben, haben es alle verwendet. Hierzu zählen Antoine de Pluvinel, François Robichon de la Guérinière, Manoel Carlos De Andrade und auch Giovanni Battista Galiberti – um nur ein paar zu nennen. Im gleichen Maße wie sie „strapaziert“ haben, das bedeutet im heutigen Sprachgebrauch locker vorwärts traben, haben sie ihre Pferde auch rückwärtsgerichtet.

Sie fechten zu Pferd. Welche Rolle spielt das Rückwärtsrichten dabei?
Rückwärtsrichten spielt beim Fechten eine große Rolle dabei, wie das Pferd sich unter dem Reiter bewegen soll. Das Pferd muss blitzschnell in alle Richtungen manövrierbar sein, um das eigene Leben und das seines Reiters zu schützen. Für das Fechten brauchen die Pferde sehr viel Energie auf der Stelle, die sie meist aus einer Galoppgangart wie dem Terre à Terre oder Mezair generieren, damit sie jederzeit in die Luft springen, rückwärts oder vorwärts gehen können. Hierzu ist ein hoher Versammlungsgrad mit entsprechender Hankenbeugung erforderlich. Diese Lektionen werden mit ähnlichen Hilfen wie beim Rückwärtsrichten etabliert. Auch ist es wichtig, dass die Pferde beim Fechten jederzeit in der Lage sind, aus der Rückwärtsbewegung vorwärts zu gehen. Das können sie aber nicht, wenn sie sich beispielsweise zurücklehnen. Aus diesem Grund ist es mir so wichtig, dass das Pferd das Rückwärtsrichten vernünftig erlernt.
Sie haben noch eine Leidenschaft: Das Reiten im Damensattel. Wie funktioniert denn da das Rückwärtsrichten?
Ein Bein fehlt ja nun auf der rechten Seite, das Bein links liegt recht hoch am Sattelblatt. Hilfreich für das Reiten im Damensattel ist es, wenn ich die Stimmhilfe für das Rückwärtstreten bereits etabliert habe. Um das Pferd dann geradezurichten, muss ich im Vorwärts bereits geschult haben, dass das Pferd meine unterschiedlichen „Schenkelhilfen“ wohlwollend interpretiert und sich trotzdem rechts um die Gerte biegt und auch um den linken Schenkel, der weit vorn über der Schulter liegt. Ich schule meine Pferde so, dass sie mir gern solche Geschenke machen, denn erzwingen kann ich das im Damensattel nicht!

Frau Krischke, vielen Dank für das Gespräch!

Links: Gerittene Acht, rechts: rückwärts, antraben (Vorbereitung Piaffe)

 

Übung 1: Die rückwärts gerittene Acht – Schritt für Schritt

Schwierigkeitsgrad: Mittel

Voraussetzung: Das Pferd muss als Voraussetzung rückwärts geradeaus gerichtet werden können und die Hilfengebung hierfür verstanden haben.

Ziel: Das Pferd lernt zuzuhören, nicht wegzurennen und rückwärts auf gebogenen Linien zu treten, indem es die Schenkelhilfen mehr und mehr als Richtungsweisung annimmt. Zudem lernt es, sich an einem bestimmten Punkt in die neue Richtung umstellen zu lassen.

Zweck: Die Lateralflexion des Pferdes wird zu beiden Seiten gleichmäßig gefördert und gleichzeitig die Hankenbiegung der Pferde verbessert.

Ausführung:
Zwei Tonnen werden in einem Abstand von maximal vier Metern in der Reitbahn auf-
gestellt. Anstelle von Tonnen können auch Pylonen, in denen Besenstile als Verlängerung stecken, oder Sprungständer verwendet werden. Es sollten möglichst keine Hilfsmittel nur in Bodenhöhe sein, weil manche Reiter sonst dazu neigen, sich eher herunterzubeugen.
Der Reiter pariert sein Pferd zwischen den Tonnen und möglichst nah an einer Tonne zum Halten. Er sollte darauf achten, sein Knie oder auch einen anderen Körperteil (je nach Höhe des verwendeten Gegenstandes) wirklich immer nah an der Tonne zu halten, sodass er eine Referenz für seine Linienführung hat. Der Reiter leitet nun das Rückwärtsrichten auf gebogener Linie ein. Er sollte mit drei bis vier Tritten beginnen. Nicht mehr. Das wird dann vermutlich noch nicht gebogen sein und keine Innenstellung beinhalten. Es geht im ersten Schritt nur darum, dem Pferd zu erklären, dass es rückwärts um einen Gegenstand herumgehen soll. Wenn es das verstanden hat, nimmt der Reiter die
biegende Schenkelhilfe hinzu und bittet sein Pferd, sich um das innere Bein des Reiters hohl zu machen.
Durch die Rückwärtsbewegung in einer so kleinen Volte wird automatisch die Hankenbeugung gefördert, weil das Pferd sich mehr biegt und Gewicht auf das innere Hinterbein bringt. Jedes Angebot des Pferdes in Richtung Versammlung sollte sofort gelobt werden. Wenn das gelernt ist, beginnt der Reiter, dem Pferd das Umstellen in die neue Bewegungsrichtung zu erklären.
Zwischen den beiden Gegenständen wird das Pferd durchpariert, in die neue Bewegungsrichtung umgestellt und das Rückwärtstreten auf der neuen gebogenen Linie wieder Schritt für Schritt erarbeitet. Das Umstellen funktioniert anfangs am einfachsten im Stand, wenn der Reiter sich auch umsetzt und neu sortiert.
Eine komplette Volte ist zu Beginn schwierig. Die Übung muss wirklich in kleinen Schritten aufgebaut werden, um das Pferd körperlich und mental nicht zu ermüden. Der Bewegungsablauf wird immer flüssiger werden, bis zwei Volten in verschiedene Bewegungsrichtungen, also die gerittene Acht, möglich sind.

Probleme und Lösungen:
Wenn der Reiter zu ehrgeizig ist und zu viele Tritte auf einmal fordert, wird das Pferd gerade rückwärtsgehen, der Reiter den Kontakt zum Gegenstand verlieren und das Paar aus der Übung herauslaufen. Abhilfe schafft hier der schrittweise Aufbau.
Ist der Gegenstand zu niedrig gewählt, schaut der Reiter nach unten. Deshalb sollte ein entsprechend hoher Gegenstand gewählt werden, damit die Blickführung des Reiters und in der Folge sein Sitz nicht negativ beeinflusst werden.
Es gibt Pferde, die Hindernisse gern körperlich aus dem Weg räumen. Hier sollte eine zweite Person helfen, die Gegenstände wiederaufzubauen. Wenn der Reiter jedes Mal ab-steigt, um die Gegenstände selbst wiederaufzubauen, wird das falsche Verhalten belohnt.
Häufig kommt es vor, dass sich die Pferde über den Schenkel nicht lenken lassen. Hier muss zunächst der Schenkelgehorsam im Vorwärts neu installiert werden. Dazu kann der Reiter auf Volten vergrößern und verkleinern und die Acht vorwärts reiten. Wichtig ist, etwas zu nutzen, das das Pferd kennt und kann. Deshalb sollte der Schenkelgehorsam erst im Vorwärts und dann erst im Rückwärts abgefragt werden.

Übung 2: Rückwärtsrichten und Antraben als Vorbereitung auf die Piaffe

Schwierigkeitsgrad: Mittel
Voraussetzung: Das Pferd hat verstanden, dass es sich rückwärts auch formen lässt und nicht einfach rückwärts rennt. Der Reiter muss im Rückwärtsrichten die Kopfhöhe und die Position des Widerrists sowie den Grad der Hankenbeugung beeinflussen können.
Ziel: Entwicklung der Piaffe
Zweck: Das Pferd lernt die diagonale Schrittfolge, die Hankenbeugung und die Beckenposition des Rückwärtsrichtens in das Vorwärts zu übernehmen und diese beizubehalten. Der Reiter lernt, durch innere Bilder den Bewegungsablauf des Pferdes zu verändern.
Ausführung:
Der Reiter richtet sein Pferd rückwärts, pariert es ganz kurz durch, gibt ihm eine aufwärtsweisende Zügelhilfe und trabt an. Wichtig ist, dass der Reiter sich visualisiert, dass er nach oben antraben möchte, nicht nach vorn. Er muss sich bewusst machen, dass er „nur“ eine Taktänderung, aber keine Geschwindigkeits- oder Platzänderung erzielen möchte.
Der Reiter muss in seinem Körper und in seiner Bewegung den Takt ändern können. Er muss sich vorstellen können, auf der Stelle zu traben und so eine leichte Leichttrab-Bewegung nach oben einzuleiten.
Die Vorwärtstendenz wird so automatisch kleiner und der Reiter kann, wenn die Grundübung verstanden ist, den Raumgewinn mehr und mehr verkleinern, bis das Pferd tatsächlich auf der Stelle piaffiert. So lässt sich eine Piaffe entwickeln, bei der das Pferd entspannt bleibt, anstatt sich zu verspannen und unkontrolliert zu strampeln. Wichtig ist, das Pferd auch immer wieder vorwärts in den Trab zu entlassen.
Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, neue Bewegungsmuster zu etablieren.
Probleme und Lösungen:
Reiter, die Angst vor unerwarteten Bewegungen ihres Pferdes haben, sollten auf die Übung verzichten. Es kann passieren, dass das Pferd heftig und spannig wird und anfängt zu tänzeln oder nach der Gerte auszuschlagen beginnt. Hier kann der Reiter versuchen, wieder Energie herausnehmen, indem er stehen bleibt, tief durchatmet und etwas anderes fordert, wie zum Beispiel das Antreten im Schritt. Wenn das Pferd wieder zuhört, könnte die Übung „wie durch Zufall“ wiederholt werden. Und zwar ohne große Erwartungshaltung.
Wenn das Pferd nach vorn weg will, muss der Reiter es über seinen Sitz korrigieren können. Mit den Zügeln zu bremsen ist tabu.
Wenn die Pferde nach der Gerte ausschlagen, handelt es sich meist um eine Übersprungshandlung, die ignoriert werden darf. Diana Krischke interpretiert ein solches Verhalten immer zunächst als falsche Reaktion auf eine Frage. Generell ist die einfachste Korrektur deshalb auch immer, dem Pferd erst einmal „andere Fragen“ zu stellen, das heißt eine andere Übung anzubieten. Wenn die anderen Übungen gut klappen, kann auch nochmals das Antraben aus dem Rückwärtsrichten angefragt werden. Wichtig ist immer, das Pferd nicht zu verärgern und es nicht in eine Lage zu bringen, aus der es keinen Ausweg mehr sieht.

Übungsaufbau für die gerittene Acht

 

Übungsaufbau für die gerittene Acht

Eine Tour, bei der die gerittene Acht das zentrale Element ist, könnte bei Diana Krischke wie folgt aussehen:
1. Der Reiter startet im Schritt bei C und reitet auf der rechten Hand. Auf der langen Seite reitet er mehrere Übergänge vom Schritt zum Trab, vom Trab zum Schritt, vom Schritt zum Halt, vom Halt zum Rückwärts und weiter im Schritt, um sein Pferd aufmerksam zu machen.
2. Die kurze Seite kann genutzt werden, um das Pferd durch Schulterherein auf die Biegearbeit vorzubereiten. Genauso gut kann auf der gegenüberliegenden Seite Kruppeherein abgefragt werden.
3. Als Nächstes überprüft der Reiter nun den Schenkelgehorsam, indem er Volten vergrößert und verkleinert.
4. Er wechselt durch die Volte und überprüft das noch einmal auf der anderen Hand.
5. Ist der Schenkelgehorsam sichergestellt, wendet sich der Reiter der schrittweisen Erarbeitung der Acht zu, wie in der Übung beschrieben.
6. Der Reiter lobt sein Pferd und lässt es am hingegebenen Zügel entspannen und aus der Reitbahn treten. (Tina Löffler)

Weitere Informationen zu Diana Krischke finden Sie unter www.diana-krischke.de

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Rückwärtsrichten“.