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Standpunkt: GOT – so nicht? Eher „FN- so nicht!“

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Eines vorab: Ja, auch ich finde, dass die Auswirkungen der GOT dringend auf den Prüfstand gehören, das sieht der Gesetzgeber übrigens auch vor – doch dazu später mehr.

In einer groß angelegten Aktion hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) jetzt gemeinsam mit dem Verband Deutscher Tierhalter (VDTH) zwei Petitionen gegen die seit einem Jahr geltende Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) gestartet. Ziel: Eine Reform der GOT, damit die stark gestiegenen Tierarztkosten für Pferde- und Tierhalter wieder erträglicher oder überhaupt bezahlbar werden. Titel der Aktion: GOT – so nicht!

Tatsächlich kam die Erhöhung der GOT zur „Unzeit“: Die Folgen von Corona und des Ukraine-Krieges sowie die hohe Inflation belasten den Geldbeutel aller. Die massive Erhöhung der GOT wirkt zusätzlich wie ein Hammerschlag und lässt viele Tierbesitzer verzweifeln. Unbestritten ist aber auch, dass es Zeit für eine Erhöhung der GOT war. Tierärztlicher Nachwuchs ist angesichts der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung im Angestelltenverhältnis rar. Wer schon einmal einen nächtlichen Notfall hatte, weiß, wie nervenaufreibend es ist, überhaupt einen Tierarzt in den Stall zu bekommen.

Die Diskussion um das Anpassen der GOT dauerte übrigens mehrere Jahre, bis der Gesetzgeber sie verabschiedete und die GOT in ihrer jetzigen Form im November 2022 in Kraft trat.

Doch nun hört der geneigte Leser einen heftigen Trommelwirbel und lautes Getöse, die FN kommt ums Eck und bläst zum Kampf gegen die neue GOT.

Liebe FN, auf ein Wort!

Jahrelang habt ihr die Debatte darüber verschlafen – oder was genau hat euer FN-Lobbyist in Berlin gemacht? – und jetzt, ausgerechnet jetzt, ruft ihr zum Kampf auf? Während die Andreas Helgstrands dieser Welt die blutenden Wunden ihrer Pferde mit Schuhcreme einpinseln und jeder Reiter schief angeschaut wird, was für ein „brutales Hobby“ er da betreibt, steckt Ihr viel Zeit und Geld in einen Petition gegen die GOT? Die FN-Stellungnahme zu Helgstrand war übrigens erschütternd genug („Wir beobachten das, ist kein Deutscher…“).

Ganz nebenbei wird mit der Petition der Eindruck erweckt, Tierärzte gehörten zur Spezies „Nimmersatt“ – weniger Respekt vor diesem Berufsstand kann man wohl kaum zeigen. Aber, auch das ist Teil der Petition, gleichzeitig wird gefordert, „konstruktive Modelle für die Präsenz von Tierärzten bei Veranstaltungen“ zu entwickeln. Oh, ist die Anwesenheit von Tierärzten auf Turnieren so teuer geworden?

Als vorletzte Forderung der FN-Petition taucht dieser Satz auf: „Die Rückkehr zu angemessenen Tierarztkosten, die für die vielen Hobbypferdehalter, Vereine und Betriebe der Pferdebranche bezahlbar bleiben.“ Dass Ihr die „Hobbypferdehalter“ (der Begriff mag formal korrekt sein, rollt mir aber die Zehennägel auf) an erster Stelle nennt, ist ja toll. Habt Ihr jetzt auch Euer Herz für die Besitzer von 30-jährigen Rentnerpferden im Offenstall entdeckt, auch wenn sie nicht in einem Verein organisiert sind? Oder ist das nur der Versuch, vermeintlich viele Pferdebesitzer in Euer Anliegen einzubinden, auch solche, die sonst in Eurem Geschäft gar keine Rolle spielen?

Aber ich will nicht nur meckern, hier ein paar konstruktive Vorschläge:

  • Wie wäre es mit einer groß angelegten Kampagne für pferdegerechtes, feines Reiten und gegen brutale, pferdefeindliche Ausbildung?
  • Und eine Kampagne für konsequentes Richten, das schlechtes und brutales Reiten immer bestraft? Dann brauchen wir uns über schlechte Bilder auf den Turnierplätzen keine Sorgen mehr zu machen.
  • Der FN-Vertreter in Berlin setzt sich dafür ein, dass die Evaluierung der GOT, also die Frage, welche Auswirkungen die GOT hat, nicht erst 2026 erfolgt, sondern deutlich früher – damit Pferdebesitzer wirklich entlastet werden können. Das hier eingesparte Geld bei der GOT-Petition könnte dann für die beiden anderen Kampagnen verwendet werden – das würde den Pferden wirklich helfen!

In dem Sinne, liebe FN: frohes Schaffen!

 

 

Folge Claudia Sanders:

Journalistin

Journalistin. Herausgeberin und Chefredakteurin der Dressur-Studien | Fair zum Pferd

3 Responses

  1. Petra Ostermann
    | Antworten

    Liebe Frau Sanders, Sie haben mein Unbehagen genau auf den Punkt gebracht. Super geschrieben!

  2. Martina Funke
    | Antworten

    Genau das habe ich auch gedacht, als ich von der FN Kampagne gelesen habe. Zumal die FN eher dazu beiträgt, den Reitsport ab zu schaffen. Indem sie ab 2024 alle Prüfungen der Klasse E zur LPO zugehörig macht und nicht mehr zur WBO = alle Pferde müssen eingetragen und durch geimpft sein! Für Reitschulbetriebe hat sich die Teilnahme an solchen Prüfungen dann wohl eher erledigt. 🙁 Es gibt noch einige andere Beispiele, aber das würde hier den Rahmen sprengen.
    Liebe Grüße
    Martina Funke

  3. Ulrike
    | Antworten

    Ich bin sehr dafür, dass die GOT angepasst wird, schließlich ist auch für den Tierarzt alles teurer geworden. Was ich allerdings als bodenlose Frechheit empfinde, ist die Hausbesuchspauschale für ein Geschäftlsmodel, in dem gar keine Praxisbesuche vorgesehen sind. Ein Pferdetierarzt hat üblicherweise eine Fahrpraxis. Frech finde ich auch, dass diese Gebühr nicht umgelegt werden kann auf die bei einem Besuch behandelten Patienten. Warum sollte ich mich da bemühen, einen Sammeltermin zu machen!

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