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Standpunkt: Alles dominant oder was?

Die unendliche Geschichte von der Dominanz

Ein Standpunkt von Hans-Walter Dörr.
Hans Walter-Dörr erteilt klassischen Dressurunterricht auf seinem Nikolaushof in Bayern. (Kontaktdaten am Ende des Artikels)

 

Dominanz: Verhalten einer Person, das auf die Beherrschung und Kontrolle anderer Personen gerichtet ist. (aus :Meyers enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden)

 

Na also!

Es geschah annähernd zur gleichen Zeit und an beiden Enden des reiterlichen Spektrums: Auf der einen Seite, der sportorientierten, machte Alwin Schockemöhle den Schlaufzügel „salonfähig“ (was das auch immer bedeuten mag), so jedenfalls meint die FN in ihrem Buch „Die deutsche Reitlehre – Der Reiter“. Auf der anderen Seite der reiterlichen Aktivitäten wurde von einem reiterlich fast unbeleckten Tänzer das Gegenteil, das versammelte Reiten am losen Zügel propagiert.

Beide Seiten, so unterschiedlich ihre Positionen zum und sicher auch auf dem Pferd waren, hatten dennoch eine Gemeinsamkeit: Beide stellten fest, dass die „beste Reitlehre der Welt“ zwar mechanisierte Pferde für das Viereck produzieren kann, jedoch weder dem sportlich ambitionierten, noch dem Freizeitreiter einen sicheren Weg aufzeigt, mit seinem Reittier ein gemeinsames Wollen zu entwickeln. Man hatte das Gefühl, dass sich etwas ändern müsste.

Erstere – die Sportorientierten – handelten ihren Schlaufzügel zu Beginn eher unter der Theke, diese Hilfszügelzügel galten ehedem als ausgesprochen unreiterlich, an der Kavallerieschule in Hannover musste vor der Benutzung eines Schlaufzügels eine besondere Erlaubnis eingeholt werden. Die zweite Fraktion erfand mit sicherem Marktinstinkt ein Schlagwort: die Dominanz.

Die Dominanz bringt‘s! Das ist doch das neue Licht! Der Mensch muss dominant sein und das Pferd wird folgen!

Was zunächst folgte, war ein Boom. Jede Menge dominanzausstrahlende Mitreisende sprangen auf den D-Zug auf und versprachen dem hoffnungsvollen Jungreiter einen neuen, absolut sicheren Weg zur Dominanz. Natürlich war dieser nur mit eben diesem Halfter, Rope (der frühere Führstrick), Stick (Gerte), als Neuestes mit fröhlich kolorierten XXL-Plastikpräservativen zu beschreiten. Man musste dazu nebenbei auch unbedingt das Gebiss XY einlegen, den baumlosen, doppeltverschränkten, stoßgedämpften Halbtrachtensattel aus handgewalktem, naturgegerbten Dinoleder auflegen. Der Sattelgurt war nur mit dem Mittel- und Zeigefingerfinger zu schließen und das alles erst, wenn man – klar doch – die entsprechende Literatur gekauft (nicht gelesen) hatte.

Lesen, und das wirkt bis heute ins Internet nach, lesen galt als überflüssig. Glatt vergessen: Natürlich musste der Stallbetreiber sofort einen Round Pen bauen. Man hatte von der Promotion sombrerobewehrter Kuhreiter und halbnackter, federgeschmückter, pferdehassender (sic!) Indianer gelernt, dass genau der Stallbetreiber wegen dieses unglaublichen Versäumnisses der wahre Grund für den bisherigen Misserfolg der Bemühungen um’s Pferd war. Einen unverzichtbaren Klicker hatte man ja schon.

Die Literatur explodierte geradezu. Viele Autoren wurden vor ihrer Karriere als Schreiberling und auch danach niemals auf einem Pferderücken gesichtet.

„Um dominant zu sein, muss man sich erst selber zunächst kennen lernen“, sagte der Heilsverkünder. Es folgten Angebote von Gesprächen, Kursen, Seminaren, Wochenenden, beim örtlichen Turnverein angefangen über autogenes Training bis zu fernöstlichen Selbstfindungskursen…….alles gegen gebührend Bares.

Scharen von dominanzheischenden Neureitern drangsalieren seither ihre meist verständnislos dreinschauenden Pferde mehr oder weniger lautstark mit den Utensilien der neuen Industrie auf Pfaden hinterindischer Entspannungslehren.

Man sieht: Die neue Dominanz war zunächst einmal ein Geschäft, ein ganz großes.

Was war und ist die Dominanz wirklich, jenseits der fraglichen Glorie, die sich um den Begriff gebildet hat?

Dominant zu sein bedeutet sehr wohl seinem Gegenüber einen höheren Rang einzunehmen. Klingt sehr einfach, bringt jedoch im Verhältnis Pferd Mensch einige bauartbedingte Probleme mit sich.

Der Mensch, als fleischfressender Räuber (auch vegetarisch ausgerichtete Reitersleute bleiben fleischfressende Räuber) soll über ein pflanzenfressendes Flucht und Beutetier dominant sein. Eine Seite der Reiterei (s.o.) hat versucht dies, mit einem Kraftverstärker zu lösen. Der Schlaufzügel ist nichts anderes als ein Flaschenzug. Dennoch, wenn es um Kraft, um physische Kraft geht, wird das Pferd immer gewinnen. Dies ist wohl, trotz aller markigen Reithallensprüche, keiner Diskussion wert und kann wohl nicht der richtige Weg sein.

Die andere Seite versucht sich auf dem eher psychischen Weg, was dann zu Erklärungen führt wie: “Das Pferd muss lernen wie ein Mensch zu denken.“ Na also, bitte! Wirklich? Wohl auch kein vernünftiger Weg.

Umgekehrt wird wohl eher ein Schuh draus. Der Mensch muss versuchen, sich in das Herdenverhalten der Pferde zu denken, und daraus seine Handlungen ableiten. Vielleicht wird das Pferd ihn verstehen.

Damit tut sich das nächste Problem auf: Pferde als Fluchttiere sind auch heute in ihrem domestizierten Zustand noch Weltmeister der Körpersprache. Es ist ihre Möglichkeit, auch über weitere Strecken miteinander zu kommunizieren, ohne ihre Position einem Räuber zu verraten. Dies wäre also ein Weg, sich dem Tier zu nähern, wenn … ja, wenn wir Menschen noch eine Körpersprache hätten. Doch, wir haben eine, nur sind wir uns ihrer nicht mehr bewusst. Was bedeutet, wir müssen die Körpersprache der Pferde lernen und uns unserer eigenen wieder bewusst werden. Grosse Gesten würden Pferde in ihrer natürlichen Umgebung vor dem Angreifen bloß stellen. Sie benutzen kleine und kleinste Gesten. Folgerung: menschliches Gefuchtel und Gewedel, ob mit Hand, Gerte oder Strick wirkt auf ein Pferd eher verwirrend und unglaubwürdig. Nix Dominanz.

Menschen können sich verbal mit Pferden nur minimal verständigen. Pferde reagieren jedoch sehr wohl auf die auffordernde oder beruhigende Tonlage der menschlichen Stimme. Folgerung: Alle Erklärungen wie: “Nun lass das doch mal! Du weißt doch, dass du das nicht darfst“ sind – außer, dass sie störend für die Mitreiter sind – absolut sinnlos. Ein ganz leises Kommando, wie schon vor langer Zeit beschrieben, hochfrequent als Anregung, tief zur Beruhigung, reicht völlig aus. Ein schrilles „Brrrrr, Brrrrr, Brrrr“ macht ein Pferd eher schneller als ruhiger. Und die Mitreiter auch.

Lassen wir jedoch mal die diversen Techniken beiseite und kommen auf das Paar Pferd-Mensch zurück.

Noch einmal: Mit physischer Kraft eine Dominanz herzustellen, die dann eher einer Zwangsherrschaft gliche, ist weder wünschenswert noch dauerhaft möglich. Diese Partnerschaft wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit von beiden Seiten in Frage gestellt werden.

Um für das Pferd wirklich dominant sein zu können, sollte der Mensch (wie in einem Herdenverband, in welchem auch nicht das stärkste Tier, sondern in der Regel das mit der meisten Erfahrung der Herdenchef ist) zunächst das Vertrauen des Tieres gewinnen. Für das Pferd muss er damit eine unumstößliche Autorität sein, die immer, IMMER absolut und genau weiß, was sie will und was richtig ist. Bitten Sie Ihr Pferd …. aber lassen Sie ihm keine andere Wahl! Selbst, wenn der Mensch einen Fehler macht, sollte dieser wie die endgültige Wahrheit „rüberkommen“. Natürlich kann so ein Fehler korrigiert werden, im zweiten Schritt.

Welche Übungen ausgeführt werden, halte ich für nicht so sehr wichtig. Wenn der Ausbilder später aufsitzt, beginnt ohnehin alles von vorn. Allerdings scheint es mir oft so zu sein, dass der Reiter mit den “vertrauensbildenden Maßnahmen“ eher Vertrauen zu sich selber und zu seinem Pferd aufbaut, als dass das Pferd Vertrauen zum Reiter bekommt. Ach, wenn die Pferde reden könnten. Der Mensch kann sich noch so sehr aufplustern und wichtig tun, sein braves Pferd weiß schon, bevor Reiterlein die Boxentür überhaupt geöffnet hat, dass der im Stüberl so lautstark auftrumpfende Meister mal wieder die Hosen gestrichen voll hat.

Was so häufig vergessen wird, ist die Tatsache, dass Vertrauen nur auf Gegenseitigkeit möglich ist. Nicht nur das Pferd vertraut dem Reiter, sondern der Reiter vertraut auch dem lernfähigen Lebewesen Pferd. Ein Gesichtspunkt, der den üblichen Umgang mit Pferden um Welten von einer Ausbildung in Légèreté unterscheidet und der sich durch die gesamte Ausbildung wie ein roter Faden zieht. Nicht nur bei romanischen Ausbildern. Man lese bei Udo Bürger nach. Man erinnere sich an Steinbrecht und sein herrlicher Ausdruck: “Ausbildung mit wohlwollender Strenge.“
Dominanz im Sinne meint: “Ich sage dir, was ich möchte und vertraue darauf, dass du meinen Wunsch ausführst, weil du es von mir so gelernt hast.“ Adé, ständige, gemütstötendeTreiberei.

Weiter geht es mit der Einstellung des Pferdes zum Leben. Wenn sich das Tier vertrauensvoll einer Führungsperson hingibt, dann bleibt diese Hingabe bestehen, solange die Führungspersönlichkeit diese Situation nicht zur Disposition stellt. Will sagen: Die Hierarchie in der Herde bleibt vom Pferd her möglichst ungestört, weil jede Störungen die Sicherheit der Gemeinschaft gefährden könnte, das Überleben des gesamten Herdenverbandes in Frage stellen würde.

Dies gilt auch für den Umgang mit Hengsten. Ist die Ordnung in Ruhe etabliert, bleibt sie erhalten. (Hengste sind eben auch Männer und Männer lieben ihre Ruhe.)

Das Pferd unterwirft sich der Entscheidungen des Menschen im Vertrauen auf deren Richtigkeit, nicht weil der Mensch besonders „lieb“ ist (Ciao Fury und Black Beauty) oder klug ist. Und nicht, weil es seinen Menschen liebt, sondern einzig und allein, weil es von seinem Schöpfer so gebaut wurde, um die Herde nicht zu gefährden. Damit ist der Mensch dominant, das Pferd gehorsam, ohne Gefuchtel, Geschrei oder was weiß ich, einfach, weil Pferde so und nicht anders gebaut sind. Der Bezwinger Dominus wurde zum Hausherren Dominus, der seinen Schützling kennen gelernt hatte. “Vertrau mir, unter meinem Dach, unter meiner Aufsicht bist du sicher“, sagte der Räuber zum Beutetier und das Beutetier vertraute dem Wissen und dem Ehrenwort des Räubers. Schon eine tolle Geschichte. Oder?

Jetzt erst kann der Reiter beginnen Tier und Mensch, ich spreche immer vom (Bewegungs)System Tier-Mensch, sowohl körperlich wie auch mental, unter den Anforderungen einer Ausbildung, in ein Gleichgewicht zu bringen.

VERTRAUEN, GEHORSAM, GLEICHGEWICHT: Für mich sind dies die Grundlagen eines jeden Umgangs mit Pferden. Ist das “System“ im Gleichgewicht, ist alles erreichbar, soweit die Natur keine Grenzen gesetzt hat. In der eher mechanistisch ausgerichteten Ausbildungsskala der FN wird leider keiner dieser Begriffe berücksichtigt.

Dominanz!? Mir ist es lieber, wenn ich diesen neuen Begriff für eine uralte Sache nicht mehr hören muss.

 

Update 2014:

Kontaktdaten Familie Dörr:

Nikolaushof im Kammeltal
Annegret und Herr Dr. Hans-Walter Dörr
Am Sportplatzring 10
87739 Loppenhausen
Bayern
Telefon:08263 967536
Mobil:0171 5115444