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Richrad Hinrichs: „Guter Schritt ist Reitkultur“

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Der Schritt“.

Richard Hinrichs: „Ein guter versammelter Schritt ist ein Ausdruck der Reitkultur“

Als Vertreter der barocken Reiterei misst Richard Hinrichs dem Schritt keine allzu große Bedeutung bei. Der Ausbilder für klassische Dressur hält diese Gangart zwar für unverzichtbar, warnt aber auch vor der Gefahr, sie durch das Reiten zu verschlechtern. Im Gespräch mit Karin Ottemann erklärt er außerdem, warum die Versammlung im Schritt für ihn Bestandteil der Reitkunst ist.

Herr Hinrichs, welche Bedeutung hat für Sie der Schritt in der Ausbildung eines Pferdes?

In der Barockreiterei hat der Schritt traditionell keinen großen Stellenwert. Die wichtigste Gangart ist insofern der Trab. Er hat die größte Bedeutung für die Gymnastizierung. Dennoch ist der Schritt in der Ausbildung unverzichtbar. Die Beschäftigung mit dieser Gangart beginnt ja schon im ersten Umgang mit dem Pferd im Fohlenalter, beim Führen. Als schwunglose Gangart ermöglicht sie ein harmonisches Miteinander von Pferd und Mensch und ist geeignet, das Pferd zu beruhigen. Ich nutze den Schritt daher hauptsächlich zum Entspannen und löse das Pferd überwiegend im Trab oder Galopp. Der natürliche Schritt bleibt gut, wenn ich die Fehler weglasse. Damit meine ich, dass er oft durch das Reiten leidet. Von Natur aus gehen die meisten Pferde im Viertakt. Der Schritt leidet meist erst durch die Einwirkung des Menschen. Mein vorrangiges Ziel ist deshalb, den Schritt zu erhalten. Er darf sich nicht durch die Arbeit verschlechtern.

Wie wichtig ist Ihnen ein von Natur aus guter Schritt und was können Sie daran erkennen?

Ein guter Schritt ist daran zu erkennen, dass das Pferd entspannt ist, im Viertakt geht und durch den Körper arbeitet. Er ist wichtig im Hinblick auf seine positiven Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Muskulatur, insbesondere im Kruppenbereich, wird dabei gleichmäßig an- und abgespannt. Dem Raumgewinn wird in der barocken Reiterei, anders als im Turniersport, keine so große Bedeutung beigemessen. Mir ist es primär wichtig, dass die Fußfolge stimmt und das Pferd schön durchschwingt. Dieses positive Schwingen ist ein Indiz dafür, dass es sich auch in den anderen Grundgangarten entspannen kann und losgelassen ist. Der Schritt ist deshalb die erste Gangart, die ich mir bei einem jungen Pferd anschaue. Er zeigt mir, ob es elastisch ist, ob es in der Lage ist, die Gelenke der Hinterhand zu beugen und locker aus der Schulter vorzutreten. Und er gibt Aufschluss darüber, ob das Pferd im Gleichgewicht ist: Auf dem Pflaster ist gut zu hören, wenn die Vorderhufe lauter auffußen als die Hinterhufe. Dann geht das Pferd meist vermehrt auf der Vorhand. Ist ein gleichmäßiges Auffußen zu hören, ist es besser im Gleichgewicht.

Wie treibt der Reiter im Schritt richtig?

Das Wichtigste beim Treiben ist, das Pferd nicht zu stören. Der Reiter kann es ins Gleichgewicht hinein- oder aus dem Gleichgewicht heraustreiben. Das ist die große Gefahr, denn dann kann es passieren, dass das Pferd Pass geht. Der Schritt muss zunächst vor allem ruhig sein. Erst dann kann ich daran arbeiten, den Raumgewinn zu erweitern. Dafür muss der Reiter die Nickbewegung des Pferdes zulassen und so treiben, dass es nicht krampft und gegen den Zügel geht. Ich strebe eigentlich an, gar nicht zu treiben. Wenn ich im Schritt treiben muss, dann wechselseitig. Der richtige Moment ist der, in dem der Schenkel durch die Körperbewegung des Pferdes von sich aus an den Pferdebauch fällt. Das führt aber nur zum Ziel, wenn der Reiter angemessen aus der Hand nachgibt. Angemessen heißt: auch nicht zu viel. Das Pferd darf nicht aus dem Rahmen herausfallen.

Wie gehen Sie mit einem passgefährdeten Schritt um?

Um den Viertakt wieder herzustellen, muss ich zunächst die laterale Zweibeinstütze verhindern. Dazu lasse ich das Pferd zeitlupenartig abfußen, einen Fuß nach dem anderen. Das kann ich unterstützen mit dem Spanischen Schritt, denn dabei kann das Pferd keinen Pass gehen. Ich kann es dann so eintakten, dass es, sobald es taktgefährdet ist, in den Spanischen Schritt geht. Die laterale Zweibeinstütze kann auch durch eine langsam gerittene Vorhandwendung verhindert werden. Gerade bei eiligen Pferden ist das eine gute Möglichkeit. Hat das Pferd dies verstanden, reicht es meist schon, wenn ich denke „Müssen wir denn erst eine Vorhandwendung machen?“ Das Tempo ist oft ein Problem, denn der Reiter hat häufig ein anderes Zeitempfinden als das Pferd oder ein beobachtender Dritter. Er denkt, das Pferd ist schon ganz langsam, dabei hat es immer noch eine hohe Schrittfrequenz. Dann ist der Ablauf zeitlupenmäßig zu verlangsamen. Auch ein Schenkelweichen oder Schulterherein in verlangsamtem Tempo verhindern die fehlerhafte Fußfolge. Das Pferd soll sich dabei so weit entspannen, dass es sich anschließend auch bei zunehmendem Raumgriff loslässt. Bei passgefährdeten Pferden helfen auch Cavaletti- oder Stangenarbeit und viele Tempounterschiede in variiertem Rahmen.

Welche Bedeutung hat für Sie der versammelte Schritt?

Ich freue mich immer, wenn ich einen gut gerittenen versammelten Schritt sehe, denn er ist für mich ein Ausdruck der Reitkultur, des kultivierten, feinen Reitens. Daran sehe ich, dass der Reiter die wesentlichen Aspekte feiner Reiterei verstanden hat. Allerdings ist die Versammlungsfähigkeit des Pferdes im Schritt begrenzt. Der Reiter kann das Pferd nicht zu stark durch wechselseitigen Schenkeleinsatz unterstützen, denn dann bringt er es in die laterale Zweibeinstütze und damit in den Pass. Auch wenn wir die Definition von Versammlung als das Verkleinern der Unterstützungsfläche des Pferdes betrachten, wird deutlich, dass das im Schritt kaum möglich ist. Dennoch empfinde ich es als große Kunst, wenn Takt und eine gewisse Kadenz zu einem schönen Ausdruck führen.

Haben Sie weitere Tipps, die helfen, den Schritt zu verbessern?

Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass der Schritt nicht verbessert werden kann. Reiter, die das weiche Schritt-Tempo verinnerlicht haben und in der Lage sind, in Takt und Tempo fein mitzuschwingen, können das Pferd durchaus dazu bewegen, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Ich sehe mir bei jedem Pferd den Schritt von unten an, zum Beispiel an der Longe, und stelle mir vor, was es in dieser Gangart wohl leisten kann. Das versuche ich in die Realität umzusetzen. Meistens passt sich das Pferd diesen Gedanken an. Wenn es das tut, lobe ich es sofort. Auf diese Weise entwickelt es ein eigenes Interesse daran, das umzusetzen, was ich mir vorstelle.

Taktprobleme entstehen leicht, wenn das Pferd zu schnell geht. Deshalb sollten Reiter öfter einmal eine Videoaufnahme von sich machen lassen, um den Unterschied zwischen der Eigen- und der Fremdwahrnehmung zu erfahren. Die korrekte Fußfolge ist nur in dem Tempo zu erreichen, in dem sich das Pferd am besten loslässt. Eine passende Musik kann den Reiter unterstützen, das optimale Tempo auf das Pferd zu übertragen. Außerdem eignet sich Stangenarbeit gut, um den Schritt zu verbessern. Sie kann auch helfen, Taktverluste in den Übergängen zu vermeiden. Generell bin ich aber mit der Arbeit im Schritt sehr zurückhaltend. Wenn ich den Schritt verbessern oder zumindest nicht stören will, dann darf ich ihn nicht zur Arbeitsgrundgangart machen.

Herr Hinrichs, vielen Dank für das Gespräch!

Richard Hinrichs ist im Fachbeirat der Dressur-Studien. Mehr über ihn finden Sie auf der Internetseite des Bundesverbandes für klassisch-barocke Reiterei Deutschland www.bfkbr.de

Lese- und Sehtipps:

Richard Hinrichs: „Reiten mit feinen Hilfen: Sitz, Einwirkung, Motivation für Pferd und Reiter“, Kosmos, 2005

Richard Hinrichs: „Reiten mit feinen Hilfen“, DVD, Kosmos, 2007

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Der Schritt“.