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Neuroathletik – ein Konzept für Reiter?

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Marc Nölke. Foto: privat

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Alte Meister! Die Aufrichtung“.

Neuroathletik ist ein Trainingskonzept, das im Fußball und im Skispringen das Training der Sportler unterstützt, aber auch nach Unfällen dabei hilft, wieder fit zu werden. Das Konzept kombiniert Erkenntnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Feldern wie zum Beispiel der Evolutionsbiologie, der Neurologie und der Sportwissenschaft.

Die Bewegungstrainer von Eckhart Meyners befassen sich seit kurzer Zeit mit diesem Konzept, um herauszufinden, ob die bisherigen Erkenntnisse der Neuroathletik auf den Reitsport übertragbar sind.

In Deutschland beschäftigt sich der ehemalige Leistungssportler Marc Nölke mit der Neuroathletik. Als Jugendlicher waren seine Leistungen beim Weltcup im Skispringen so überzeugend, dass der Kadersportler für Olympia nominiert wurde. Mit gerade einmal 18 Jahren war er der jüngste deutsche Wintersportler überhaupt, als er 1992 nach Albertville reiste. Zur Teilnahme kam es nicht mehr. Das junge Talent stürzte beim Training und zog sich schwere Verletzungen zu. Marc Nölke überlebte knapp und schaffte es auch wieder auf die Bretter. Aber irgendwas stimmte nicht, nicht mehr. „Heute würde mir das nicht mehr passieren“, erinnert er sich an die vergangene Zeit. „Mit dem Wissen von heute hätte ich mir selbst helfen können“, ist er sicher. Für die Dressur-Studien sprach Carola Schiller mit Marc Nölke.

 

Was ist eigentlich Neuroathletik? Was verbirgt sich hinter diesem sperrigen Wort?

„Neuroathletik“ ist ein Kunstwort, das sich der Fußballmanager Oliver Bierhoff ausgedacht hat. Ich bin dazu gekommen, als ich als Trainer für die österreichische Skisprung-Nationalmannschaft gearbeitet habe. Irgendwann habe ich zehn gute Skispringer vor mir gesehen, die alle gut ausgebildet, trainiert und talentiert waren , trotzdem hatten sie unterschiedliche Probleme. Also habe ich mich gefragt, warum das so ist: Warum blockiert der eine Springer bei einer Übung, die er beherrschen müsste, und der andere nicht? Ich kam zu dem Schluss, dass es etwas mit dem Lernen und dem Gehirn zu tun haben muss.

 

Welche Verbindung haben Sie als ehemaliger Skispringer zum Pferd?

Meine Mutter und meine Schwester reiten. Ich habe meine Kindheit im Stall verbracht und ich darf behaupten, ich kann auf einem Pferd sitzen, ohne es zu stören oder ihm wehzutun. Als Kind habe ich voltigiert, davon hat mein Skispringen profitiert, weil man auf dem Pferderücken sehr flexibel, situationsangepasst und manchmal mutig agieren muss. Was das Reiten betrifft, habe ich die Auffassung, dass ein Reiter spüren muss, wie er den sensorischen Input für sein Pferd liefert. Das heißt, ein Reiter muss sich gut spüren können, sein Gleichgewichtssinn muss hervorragend ausgebildet sein. Wenn ein Pferd beschleunigt, kann der Reiter das nur sitzen, wenn die Rezeptoren die Beschleunigung auch erfassen. Dazu müssen wir wissen, dass das Gehirn einen Großteil der sensorischen Informationen durch die Augen bekommt. Visuelle Informationen bieten Orientierung in der Welt, in der wir uns bewegen. Aber Augenbewegungen und die Fähigkeit, ein klares, ruhiges Bild auf die Retina projiziert zu bekommen, sind abhängig von der Funktion des Gleichgewichtssystems im Innenohr und dessen Zusammenspiel mit den Augenmuskeln sowie den Nackenmuskeln. Oft wird Gleichgewicht auf wackligen Unterlagen, Balanceboards oder Slacklines trainiert – das ist leider Unsinn. Das Körpergefühl profitiert zwar unter Umständen davon, das Gleichgewichtssystem jedoch weniger.

 

Wie ging es weiter?

Ich habe viel gelesen und Seminare besucht, bevor ich Dr. Eric Cobb kennengelernt habe. Er ist internationaler Experte für das Anwenden der Erkenntnisse der Neurologie auf die Bewegungswissenschaft. Ich wollte vor allem verstehen, was mit mir passiert ist und warum ich mich so verändert habe. Bei der jahrelangen Recherche wurde mir irgendwann klar, dass es viel mit dem zehnten Hirnnerv, dem Vagus-Nerv zu tun hat. Selbstberuhigung, Aufmerksamkeit und Konzentration sind Fähigkeiten, die von diesem Nerv abhängig sind, der noch weitere Aufgaben im Organismus hat.

 

Was kann Ihre Arbeit leisten?

Meine Herangehensweise bezieht neben der traditionell eher biomechanisch geprägten Sichtweise die neurologische Perspektive mit ein. Das ist immens wichtig, denn nahezu jedes Problem, das ein Athlet hat, ist ein Problem des Nervensystems. Und ich denke, dass Neurologie die ganzheitlichste Perspektive bietet, die eingenommen werden kann. Diese Sichtweise bietet neue Lösungen für alte Probleme: Das Gehirn ist plastisch, es kann sich verändern – und diese Veränderungen können wir sehr gezielt beeinflussen. Im Sinne der Gesunderhaltung, Rehabilitation, Schmerzreduktion oder schlicht und einfach, um sportliche Leistung zu verbessern.

 

Was ist ein Athlet?

Für mich ist jeder ein Athlet, der daran arbeitet, seine Leistung zu verbessern. Der Patient, der sich von einem Schlaganfall erholt, muss Enormes leisten.

Beide müssen ihre Muskulatur beherrschen. Muskeln sind aber „dumm“. Sie machen nur, was das Gehirn ihnen sagt. Stimmt die Verbindung nicht, kann das durch eine Gehirnerschütterung, wie bei mir, oder durch einen Schlaganfall hervorgerufen worden sein – oder eventuell war diese Verbindung von Anfang an nie so, wie sie hätte sein müssen. Diese neuronalen Wege sind empfindlich. Sind sie gestört, muss die Störung gefunden und wegtrainiert werden.

 

Was heißt das denn konkret?

Stellen Sie sich vor, ein Reiter hat irgendein Sitzproblem. Vor Jahren ist er gestürzt, Gehirnerschütterung. Nach und nach bekommt er Probleme. Rückenschmerzen, irgendwelche Schmerzen, das Leben wird kompliziert. Die Veränderungen, die meist erst Monate nach einem Unfall oder einer Verletzung auftreten, bringen die meisten Menschen dann nicht mehr mit dem vorausgegangenen Unfall in Verbindung. Eine Gehirnerschütterung kann jedoch fatale Spätfolgen haben. Das Mittelhirn und das Stammhirn können beschädigt werden, die Integration des visuellen Systems und der Gleichgewichtsorgane empfindlich gestört werden, die Feinabstimmung mit der Regulation der Muskelspannung, der Anti-Schwerkraft-Muskulatur, kann dysfunktional sein. Das Gehirn beurteilt die ankommenden Signale und schätzt sie ein: Wenn sie unzureichend sind oder nicht zueinander passen, beurteilt es das als eine Bedrohung.

In diesem Zustand bremsen dann oft Schutzreflexe die Leistung des Menschen. Das Gehirn will den Körper schützen und warnen, es stellt die Regelung auf Alarmstufe: „Achtung, was hier passiert, ist nicht mehr sicher!“ Davon bekommen wir kognitiv zunächst nichts mit, wir merken vielleicht, dass weniger Kraft da ist und Bewegung langsamer wird. Im unangenehmsten Fall empfinden wir einen Schmerz – den uns das Gehirn als starkes Alarm- und Schutzsignal sendet. Die Wissenschaftler Lorimer Moseley und James Butler haben diese Funktionsweise hervorragend beschrieben. Sie nennen das die „Pain Neuromatrix“.

 

Erkennt der Arzt nicht, dass das durch beispielsweise einen vorhergehenden Unfall ausgelöst worden sein könnte?

Aus meiner Erfahrung heraus leider oft nicht. Viele Probleme sind interdisziplinäre Herausforderungen, sie passen in keinen medizinischen Fachbereich. Oft erreichen Patienten die diagnostische Schwelle nicht, sie sind quasi nicht „kaputt“ genug für eine Diagnose. Wenn sie dann reif dafür sind, ist es schon spät. Zudem ist unsere Medizin sehr auf pharmakologische Hilfen ausgelegt. Menschen nehmen lieber eine Pille, statt an sich zu arbeiten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn ich mir aussuchen dürfte, in welchem Land ich von einem Bus angefahren werden will, dann wäre meine Wahl Deutschland. Die Notfallmedizin ist großartig.

 

Wenn jemand mit einem Problem zu Ihnen kommt, wie gehen Sie vor?

Jeder Mensch ist anders. Ich muss wissen, was er erlebt hat. Welche Verletzungen hat er erlitten, ist er gestürzt, welche Krankheiten hat er durchlebt, wie ernährt er sich, welche Medikamente nimmt er ein? Auch das Lebensumfeld ist wichtig. Welche Erfahrungen beeinflussen ihn und welche Verhaltensmuster hat er entwickelt? Danach führe ich zahlreiche spezielle neurologische Leistungstests durch und entwickle aus allen Informationen eine Idee für einen Startpunkt. Ich entwickle mit dem Klienten bestimmte Drills, die einen gezielten Stimulus für verschiedene Bereiche des Nervensystems bieten. Dann testen wir, ob sich die Leistung des Klienten durch diesen Stimulus unmittelbar verbessert. Wenn ja, machen wir damit weiter. Wenn nicht, suchen wir weiter.

 

Wenn Sie sich diesen Überblick verschafft haben, wie geht es weiter?

Ich schaue mir die Bewegungen des Klienten an und führe Muskelleistungstests durch. So sehe ich, ob alle Muskeln aktiv sind und alle Nerven funktionieren. Gibt es Probleme mit dem Gleichgewicht? Wie sieht das Gangmuster aus? Was verändert sich, wenn der Klient nur auf einem Bein steht und die Augen schließt? Auf dem rechten Bein und dann auf dem linken? Hier können sich schon die ersten Hinweise ergeben. Das gilt noch mehr, wenn Schmerzen hinzukommen.

 

Haben Sie einen Tipp, wie Reiter ohne Vorkenntnisse Neuroathletik ausprobieren können?

Im Grunde müsste ich den Menschen in Bewegung sehen, um ihm die Aufgaben zu stellen. Es gibt aber dennoch zwei Tests, die jeder selbst leicht durchführen kann.

Stehen Sie gerade mit komplett geschlossenen Beinen, die Arme nach vorn waagerecht und parallel gestreckt. Schließen Sie dann die Augen. Sie sollten 30 Sekunden so stehen können, ohne mit den Armen Ausgleichsbewegungen durchzuführen. Wenn das einfach klappt, stellen Sie eine Ferse vor die Zehenspitze des anderen Fußes und probieren es in dieser schwierigeren Position. Wenn das auch klappt, fangen sie mit geschlossenen Augen an, den Kopf in verschiedene Richtungen zu rotieren, ihn zur Seite, nach hinten und nach vorn zu kippen.

Möchte ein Reiter stabiler sitzen, muss er Folgendes wissen: Gleichgewicht und Augen stehen in enger Verbindung. Stabilisieren sich die Augen, verbessert sich auch das Gleichgewicht und die Wirbelsäule stabilisiert sich. Die motorischen Kerne der Augenmuskulatur werden vom gleichen Bereich im Gehirn kontrolliert wie die Rückenmuskeln. Gibt es Probleme mit den Augen, stimmt meist auch etwas mit der Mobilität der Wirbelsäule nicht und umgekehrt.

 

Wie könnte die zweite Übung aussehen?

Wir brauchen dafür zwei Pylone oder Hindernisständer, um die der Reiter eine Acht reiten kann. An die Bande wird in einer Entfernung von zwei bis drei Metern ein Zettel geheftet, auf dem ein Wort steht. Die Aufgabe ist nun, eine Acht zu reiten oder auch zu laufen. Das alles geht auch zu Fuß. Während der Reiter die acht um die Hindernisse läuft oder reitet, fokussiert er permanent einen Buchstaben auf dem Zettel und versucht, ihn scharf zu sehen. Folglich wendet er den Kopf mal nach rechts und mal nach links, läuft oder reitet dabei aber weiter. Diese Übung stabilisiert die Körperhaltung. Sie empfiehlt sich vor und nach dem Reiten, aber auch während des Reitens. Wer das an sich regelmäßig testet und Probleme mit dem Gleichgewicht hat, wird feststellen, dass sich die Probleme verringern. Wer keine Probleme hat, braucht die Übung nicht.

 

Das liest sich nach einem neuen Trainingsansatz. Können Reiter sich selbst einarbeiten?

Das dauert Jahre. Ich empfehle deshalb die Zusammenarbeit mit Bewegungstrainern nach Eckart Meyners, die sich gerade mit dieser Thematik befassen und mich zu einer ihrer Fortbildungen eingeladen haben. Ich arbeite des Weiteren gerade an einem Onlinekurs für Reiter, der die wichtigsten Themen und Methoden vorstellt.

 

Herr Nölke, vielen Dank für das Interview!

Mehr über Marc Nölke erfahren Sie unter https://marcnoelke.de

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Alte Meister! Die Aufrichtung“.