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Glosse: Der kleine Guru-Guide

Ist der Schein nur schön genug … Foto: Sadro Almir Imman/pixelio

Gehören Sie noch zu den unauffälligen Reitlehrern? Oder verdienen Sie schon ein Vermögen? Falls Letzteres nicht der Fall ist, hätten wir hier eine kleine Anleitung für Sie. Zu Ihrem Glück befinden sich da draußen unzählige Reiterinnen und Reiter, die auf der ständigen Suche nach „der einen Wahrheit“ für sich und Ihr Pferd sind. Kein Wunder, bei den vielen verschiedenen Reitweisen: „Rotierendes Reiten mit Rudi Rüssel“, „Philosophieren mit deinem Pferd“ und nicht zu vergessen: „Mit Klangschalen zur Pferdemitte und zum ausbalancierten Reitersitz“ oder „Taktreines Piaffieren aus der Traumdeutung lernen“.

Sie sehen schon: Herkömmliches Reiten lernen ist völlig aus der Mode gekommen.

Und jetzt kommen Sie als potentieller Guru ins Spiel:

  1. Belästigen Sie Ihre Kundschaft nicht mit Sätzen wie: „Reiten lernt man ein Leben lang.“ Und streichen Sie die Vokabeln, Fleiß und Anstrengung bitte komplett aus Ihrem Vokabular – sonst werden Sie nie ein Guru.
  2. Sollten Sie die Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzen: Vergessen Sie sie. Machen Sie sich auch keinerlei Gedanken über Ihr Vorleben. Für Ihren neuen Guru-Job spielt das keine Rolle. Selbst wenn Sie vorher Fliesenleger und kaum in der Nähe eines Pferdes waren: Jetzt sind Sie auf dem Pfad der reinen Erkenntnis. Und nur das zählt!
  3. Sie und nur Sie sind im Besitz der alleinigen Wahrheit und Erkenntnis! Kein anderer lebender Mensch auf diesem Erdboden – sicherheitshalber können Sie das auf das gesamte Universum ausdehnen – verfügt über Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten, um Pferde auszubilden.
  4. Nur keine Bescheidenheit! Ihren Dominanzanspruch beziehen Sie nicht nur auf die Ausbildung von Reiter und Pferd. Sondern sie verfolgen natürlich einen ganzheitlichen Ansatz. Nur wer bei Ihnen auf dem wahren Weg der reinen Reitererkenntnis ist, wird auch ein besserer Mensch sein.
  5. Verwirren Sie Ihre Anhänger nicht mit Fakten! Zurück zum Ursprünglichen lautet die Devise. Und was ist schon ursprünglicher als das „Bauchgefühl“? Kaum überprüfbar, dafür umso besser vermittelbar.
  6. Damit aber auch Sie nicht plötzlich von Ihren Anhängern oder gar Kritikern verwirrt werden können, schwören Sie jedweder Wissenschaft ab. Schließlich sind nur Sie der Hüter der bald schon vergoldeten Wahrheit. Fakten irritieren Ihre Anhänger nur!
  7. Ja, Sie werden Kritiker haben. Doch grämen Sie sich nicht. Diese „Kritiker“ sind nichts anderes als grünhäutige Grottenolme, die keine eigenen Erfolge haben, also vor Neid zerfressen sind und jetzt ausgerechnet Sie angreifen. Dabei wollen Sie doch nur die Pferde retten! Und so wird jeder Angriff auf Sie ein Angriff auf die Pferde. Sie und die Pferde auf der gesamten Welt sind: Opfer – genau!
  8. Sollte unter Ihren Kritikern doch einmal welche dabei sein, die tatsächlich vom Fach sind: Machen Sie sie lächerlich. Diffamieren Sie sie! Mindestens aber erklären Sie, dass diese verblendeten Tierquäler noch nicht bereit für Ihre „Wahrheit“ sind.
  9. Schotten Sie sich ab, sammeln Sie Ihre Anhänger um sich! Ob Sie dabei einen einsamen Berghof nahe der Zugspitze oder einen Reiterhof im Wattenmeer wählen – zur Not geht auch eine geschlossene Facebook-Gruppe. Machen Sie klar, dass Sie und alle Pferde (!) angegriffen werden – nichts stärkt mehr den Zusammenhalt. Und die Bereitschaft Ihrer Fans die Geldbörse zu zücken.
  10. Vermeiden Sie jedwede reiterliche Basisarbeit. „Kandare ans Pferd und Seitengänge bis zum Abwinken reiten“, muss Ihr Motto lauten. Falls Ihre Jünger damit nicht klar kommen, ist das nicht etwa Ihr Fehler, sondern – Sie ahnen es – dann ist Ihre Gefolgschaft noch nicht so weit. Doch da können Sie ja weiterhelfen: mit Büchern, Videos und Einzelunterricht.

 

Jetzt sind Sie der perfekte Guru! Und wenn das mit dem Reitunterricht nicht klappt, grämen Sie sich nicht. Es gibt so viele Themenfelder in der Reiterei, wo sich Pferdebesitzer über die wahre Erkenntnis freuen. Denken Sie nur an Sattler, Hufbearbeiter oder alternative Heilmöglichkeiten: Ihrem Erfindungsreichtum ist da quasi keine Grenze gesetzt. Viel Glück!

PS: Streichen Sie aber den „Natural-Dental-Hufbearbeiter“ – der nach „indianischer Sitte“ Pferdehufe benagt – schon mal von Ihrer Ideeenliste: Den gibt es schon.