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Der Takt: Die Atmung ist entscheidend

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Takt und Bewegungsabläufe“, über das Sie hier mehr erfahren können.

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Michael Laußegger hat seine reiterliche Ausbildung an der Spanischen Hofreitschule in Wien absolviert. Mehr als ein Dutzend Jahre arbeitete er dort mit den Lipizzanern der Schule, bevor er sich entschloss, selbstständig zu werden. Seitdem betreibt er in Österreich, genauer: in Streifing, einen Ausbildungsstall. Für die Dressur-Studien sprach Claudia Sanders mit dem klassischen Ausbilder.

Welche Rolle spielt der Takt in der Ausbildung?
Er ist unverzichtbar in der Ausbildung und steht ganz oben. Wobei vor dem Takt für mich noch die Zwanglosigkeit steht.

Ist die Zwanglosigkeit dasselbe wie die Losgelassenheit?
Nein, die Losgelassenheit resultiert aus dem Takt. Zwanglos geht das Pferd wie in der Natur. Wobei nicht jedes Pferd von Natur aus in jeder Gangart gleich einen Takt zeigt. Ich schaue mir die Pferde immer gerne im Freilauf an und beobachte, in welcher Gangart sie am ehesten ihren Takt herstellen. Manche traben von Haus aus taktrein, wo also Raum- und Zeitmaß passen. Andere galoppieren im Dreitakt, dafür ist vielleicht der Trab zappelig. Ein Beispiel dafür ist der Isländer, der oft Schwierigkeiten mit dem Trabtakt hat. Auch das spanische Pferd hat oft Taktprobleme, da es in der Regel ein höheres Grundtempo hat, was es schwieriger macht, den Takt mit bloßem Auge zu sehen.

Es wird immer wieder gerne diskutiert, ob die Skala der Ausbildung in ihrer Reihenfolge – erst der Takt, dann die Losgelassenheit – so richtig ist. Manche Ausbilder würden gerne die Losgelassenheit an erste Stelle setzen. Wie sehen sie das?
Ich finde es richtig, dass der Takt an erster Stelle steht. Einer meiner Leitsätze ist, „Lass Dein Pferd von oben nach unten fallen“, es soll sich frei bewegen – zwanglos. Dann stellen sich der Takt und das Wohlfühlen – die Losgelassenheit – ein.

Was machen Sie, wenn ein Pferd unter dem Reiter nicht taktklar trabt?
Wichtig ist erst einmal herauszufinden, woher die Taktstörung kommt. Ob es eine gebrochene Fußfolge ist oder ob eine feste Hand oder ein schief sitzender Reiter sie verursacht – da gibt es viele Ursachen, die in Frage kommen. Wenn die Fehlerquelle gefunden und behoben worden ist, korrigiere ich Taktunreinheiten im Trab meistens über den Galopp. In diesem rhythmischen Galoppieren reite ich einen Übergang zum Trab, dabei muss sich das Pferd komplett loslassen. Daraus resultieren dann meist drei bis vier klare Trabtritte.

Wie gehen sie beim Galopp vor?
Auch hier steht zu Beginn wieder die Analyse mit der Frage: Woran liegt es? Versucht der Reiter, das Pferd zu früh zu stark zu versammeln und entsteht dadurch ein Viertakt? Oder hat der Reiter Angst, dass sein Pferd zu flott wird und wirkt deshalb zu stark mit der Hand ein? Möglich ist natürlich auch, dass ein triebiges Pferd im falschen Moment getrieben wird und dadurch eine Taktstörung entsteht. Hier ist es eine Möglichkeit, einmal einen anderen Reiter auf das Pferd zu setzen, um zu sehen, inwieweit das Pferd dann taktklarer läuft. Das mache ich gerne mit Jugendlichen, die unverkrampfter und viel losgelassener als die meisten Erwachsenen sind – da fällt es einem Pferd leichter, seinen Takt zu finden. Falls ich diese Möglichkeit nicht habe, dann nutze ich gerne das Freilaufen, um zu sehen, ob das Pferd seinen Takt finden kann, und sei es auch nur für wenige Sprünge.

Wie spüre ich als Reiter, ob mein Pferd im Takt ist?
Entscheidend dafür ist, dass der Reiter losgelassen ist; nur so kann er fühlen, ob sein Pferd im Takt läuft. Sie müssen grundsätzlich also ihre Alltagssorgen abschütteln, wenn Sie zum Pferd gehen. Hilfreich sind auch Atemübungen für den Reiter, die dazu beitragen, dass seine eigene Muskulatur offener ist. Dazu gehört natürlich auch Gymnastik, all das versetzt Sie in die Lage, selber zu fühlen. Darüber hinaus müssen Sie Ihre Augen, Ihr Gehör und das aktive Mitdenken schulen. Auf dem Pferd agiere ich, fühle, wie das Pferd reagiert und verbalisiere das. Also, in dem Moment stelle ich mir selber Fragen: Stimmt das Tempo? Stimmt der Rhythmus? Höre ich eine gleichmäßige Atmung beim Pferd? Die Atmung des Pferdes ist dabei ein ganz wichtiger Punkt! Ein rhythmisches Durchatmen versorgt die Muskulatur mit dem nötigen Sauerstoff, mit Energie. Nur damit kann das Pferd auch loslassen. Das ist auch der Grund, warum Pferde oft im Galopp am leichtesten ihren Takt finden: Mit jedem Sprung holen sie Luft, dadurch wird die Muskulatur optimal mit Sauerstoff versorgt und kommt zur Losgelassenheit. Damit folgt auch die innere Losgelassenheit. Die größte Priorität, um den richtigen Takt zu finden, kommt der gleichmäßigen Atmung zu. Deshalb macht es hier auch Sinn, statt im Trab einmal im leichten Galopp die Arbeit zu beginnen.

Wie helfen Sie Reitschülern, die den Takt nicht fühlen?
Ich bitte sie, sich auf ihr Gehör zu konzentrieren. Diese Konzentration auf das Gehör macht sie einerseits selber losgelassener, andererseits hören sie buchstäblich, ob ihr Pferd taktklar läuft. Eine andere Möglichkeit ist es auch, dem Schüler dabei zu helfen, viel Sauerstoff zu tanken – indem ich ihn viel auf- und absitzen lasse. Alternativ lasse ich ihn viel im leichten Sitz reiten, bis ein Ziehen in der Rückenmuskulatur zu spüren ist. Dann will der Reiter nur mehr rhythmisch mit dem Pferd leichttraben. Der Reiter nimmt den Takt des Pferdes an und hat somit den Pferdetakt gefunden.

Herr Laußegger, vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Informationen über Michael Laußegger finden Sie auf seiner Internetseite unter www.dressur.at

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Takt und Bewegungsabläufe“, über das Sie hier mehr erfahren können.

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