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Buchbesprechung: „Irrwege der modernen Dressur“ von Philippe Karl

Kein anderes Buch hat in den vergangenen Monaten (2006) für soviel Furore gesorgt, wie das neue Werk von Philippe Karl. Es ist das dritte Buch, das der Franzose geschrieben hat. Die „Irrwege der modernen Dressur“ sind im Cadmos-Verlag erschienen – ein Garant dafür, dass das Buch in geschmackvoller, ansprechender Weise daher kommt. Großzügige Gestaltung und schöne Zeichnungen von der Hand des Autors machen den 160-seitigen Folianten hochwertig.
Wer auch Karls frühere Bücher kennt – „Hohe Schule mit der Doppellonge“ und „Reitkunst“ – wird allerdings feststellen, dass sich die Schwerpunkte des Reitmeisters deutlich geändert haben. Während in seinen früheren Büchern das Thema der hohen Hand eher am Rande gestreift worden ist – als eine mögliche Korrekturmaßnahme unter vielen – ist das nun anders. In seinem neuem Buch, wie auch in seinen bei Pferdia-TV veröffentlichten Videos, ist die hohe Hand „das Mittel“. Wenigstens lässt Karl keinen Zweifel daran, dass sie den Mittelpunkt seiner Reitlehre bildet. Warum allerdings die hohe Hand nun vom kurzfristigen Korrekturmittel zur langfristigen Methode wird, diesen Quantensprung erklärt Philippe Karl den Lesern nicht.cover_pk

Karl will mit den „Irrwegen der modernen Dressur“ offenbar auch anderes bewirken: Die vermeintlichen Irrlehren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) demaskieren und den Weg aufzeigen, der seiner Meinung nach der einzig richtige ist. Punkt für Punkt nimmt er die Ausbildungsskala der FN unter die Lupe, seziert die Richtlinien und notiert, was er für unlogisch befindet. Im Anschluss daran stellt er wortgewandt, unterhaltsam und anregend dar, wie die Reitkunst aus seiner Sicht richtig betrieben werden sollte. Mit viel Ironie und Polemik zeigt er auf, wo die FN-Reitlehre Schwächen zeigt.

Doch noch immer gilt: So wie es in den Wald hinein ruft, schallt es auch hinaus. Die Frage muss erlaubt sein, was Philippe Karl mit seiner Streitschrift bewirken möchte? Wenn es nur darum geht, der FN und besonders ihrem verantwortlichen Vorstand auf die Füße zu treten, dann hat Karl sein Ziel wohl erreicht. Falls es aber darum geht – im Sinne des Pferdes – die vorhandenen Auswüchse gerade im Turnierbereich einzudämmen, dann hat er sein Ziel verfehlt. Denn so unterhaltsam wie seine Argumentation streckenweise sein mag, sie hält nicht in allen Stellen einer genauen Betrachtung Stand. Karl hat an so mancher Stelle Zitate der FN aus dem Zusammenhang gerissen.
Ein Beispiel dafür ist der Gebrauch der Hand. Karl zitiert aus den FN-Richtlinien über die „durchhaltende Zügelhilfe“: Insgesamt drei Sätze pickt er dazu heraus. Nur der sehr aufmerksame Leser merkt, dass Karl offenbar nicht alle Sätze zu dem Thema hier anführt. Denn statt wie üblich die Auslassungen durch Punkte zu kennzeichnen, beginnt er nur einen weiteren Satz, wobei alle Sätze mit Anführungsstrichen versehen sind. Wer sich die Mühe macht die Karlschen FN-Zitate mit den Richtlinien zu vergleichen, ist dann auch etwas irritiert: Karl lässt jeweils die Sätze weg, in denen die Richtlinien darauf verweisen, dass die „durchhaltende“ Zügelhilfe weder rückwärts wirken noch zu lange ausgedehnt werden dürfe – und dass der Reiter schnell wieder leicht mit der Hand werden müsse.

Diese sachlichen Schwächen vermiesen die Freude an Philippe Karls wohlformulierten sprachlichen Spitzen. Karls Buch lässt vermuten, dass er nicht mehr mit den FN-Verantwortlichen diskutieren und argumentieren will – weil er entweder bisher nicht gehört wurde oder ihm die Diskussion sinnlos erscheint. Eines ist sicher: Sollten die Fronten bisher nicht verhärtet gewesen sein, jetzt sind sie es mit Sicherheit. Denn Karl wählt eine deutliche Sprache, gepaart mit einem guten Schuss Sarkasmus, um die FN bloß zu stellen. Damit erzeugt Karl jedoch gleich mehrere Effekte: Der kritische Leser fragt sich, warum der französische Reitlehrer so ungenau mit der FN ins Gericht geht. Wäre seine Argumentation eindeutig, warum muss er dann halbherzig zitieren? Eigentlich schade, denn viele seiner Argumente sind gut, richtig und überdenkenswert.

Und noch eine Anmerkung sei erlaubt: Wer derartig deutlich andere kritisiert, sollte bei der Fotoauswahl für das eigene Buch sehr sorgfältig vorgehen: Einige Bilder von offenbar verspannten Pferden mit Unterhals sind nicht gerade die beste Eigenwerbung. Natürlich sind Fotos immer nur Momentaufnahmen – doch wer eine derartige Streitschrift schreibt, muss mit ganz genauer Prüfung rechnen.

Doch, bei aller Kritik: Philippe Karls Band enthält viele gute Anregungen, die sich auch FN-Mitglieder unbedingt zu Gemüte führen sollten. Denn eines muss man Karls Buch lassen: Kaum ein anderes Werk regt so sehr zum Nachdenken an, wie die „Irrtümer“. Und damit hat er mehr erreicht als viele andere Autoren. Jeder, der sich ernsthaft für Dressurausbildung interessiert und über ihre Entwicklung kritisch diskutieren möchte, muss dieses Buch gelesen haben. (cls)

Philippe Karl, Irrwege der modernen Dressur, Cadmos 2006

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Unsere Buchbesprechung wollte Philippe Karl so nicht unwidersprochen stehen lassen, hier finden Sie seine Erwiderung zu unserer Rezension.