
Das FEI-Tribunal hat den australischen 68-jährigen Olympiareiter Heath Ryan wegen Pferdemisshandlung für 18 Monate gesperrt. Auslöser des Verfahrens waren Videoaufnahmen einer Trainingseinheit mit dem Pferd Nico: Nach Darstellung der FEI sind darauf 42 aufeinanderfolgende Gertenschläge in einer ersten und mindestens neun weitere in einer zweiten Sequenz zu sehen – insgesamt mindestens 51 Schläge. Ryan muss außerdem 3.000 Schweizer Franken Geldstrafe sowie 3.000 Schweizer Franken Verfahrenskosten zahlen. Da seine vorläufige Suspendierung seit Juni 2025 vollständig angerechnet wird, endet die Sperre bereits am 12. Dezember 2026.
Die Entscheidung des FEI-Tribunals datiert vom 27. August 2026. Die zugrunde liegende Trainingseinheit fand bereits am 11. Mai 2023 statt. Die Aufnahmen wurden am 11. Juni 2025 auf YouTube und Facebook veröffentlicht und anschließend über soziale Medien verbreitet. Einen Tag später suspendierte der australische Verband Equestrian Australia Ryan vorläufig. Die FEI erkannte diese Suspendierung am selben Tag an.
Ryan ist als internationaler Athlet über Equestrian Australia bei der FEI registriert. Nach Angaben in der Tribunalentscheidung hat er seit 1990 an mehr als 400 internationalen Prüfungen teilgenommen, vor allem in Dressur und Vielseitigkeit sowie im Springen.
Zwei Videos als zentrale Beweismittel
Gegenstand des Verfahrens waren zwei Videoaufnahmen. Die FEI führte in ihrer Eingabe an das Tribunal aus, dass Ryan im ersten Video 42-mal hintereinander und im zweiten mindestens neun weitere Male mit der Gerte auf Nico einwirkte. Nach Darstellung der FEI folgte ein Schlag auf den nächsten, ohne Pause und ohne dem Pferd ausreichend Zeit zur Reaktion zu geben.
Zusätzlich legte die FEI ein Gutachten der Tierärztin Dr. Rachel Murray vor. Murray zählte im ersten Video mindestens 41 Gertenschläge. Sie errechnete eine Frequenz von durchschnittlich 1,3 Schlägen pro Sekunde mit rund 0,75 Sekunden zwischen den einzelnen Einwirkungen. Die Schläge seien mit hoher Kraft ausgeführt und wiederholt auf dieselbe Körperregion gerichtet worden.
Murray kam zu dem Schluss, dass dem Pferd dabei keine ausreichende Zeit zur Reaktion gegeben worden sei und der Gerteneinsatz keinen rationalen Trainingswert gehabt habe. Sie bewertete ihn als exzessiv und als Bestrafung und beschrieb beim Pferd Anzeichen von Stress, Schmerz und Konflikt. Eine Lahmheit diagnostizierte sie anhand der Aufnahmen nicht. Sie beobachtete allerdings eine Instabilität der linken Hinterhand, Stolpern und Kontrollverlust, was nach ihrer Einschätzung mit Ermüdung oder einem zugrunde liegenden gesundheitlichen Problem vereinbar sein könnte.
Videos nach forensischer Untersuchung als authentisch bewertet
Ryan hatte die Aussagekraft und Authentizität der Aufnahmen bestritten. Nach seiner Darstellung zeigten die veröffentlichten Sequenzen nur rund 60 Sekunden einer etwa 45-minütigen Trainingseinheit. Er erklärte außerdem, nicht zu wissen, ob und in welcher Form das Material bearbeitet oder der Ton verändert worden sei.
Auf Veranlassung der FEI untersuchte das Unternehmen Quest Global deshalb die Metadaten des Videomaterials. Nach Angaben des Tribunals ergab die forensische Analyse keine Hinweise auf Bearbeitung, erneute Kodierung oder Manipulation. Das Panel bewertete die Videos daraufhin als authentisch, zulässig und zuverlässig.
Ryan verwies auf die Vorgeschichte des Pferdes
Ryan bestritt, Nico misshandelt zu haben. Er erklärte, das Pferd habe zuvor erhebliches gefährliches Verhalten gezeigt. Nach seiner Darstellung hatte Nico seine Besitzerin im Juni 2022 abgeworfen. Dabei habe sie unter anderem mehrere Becken- und Rippenfrakturen, eine perforierte Lunge und eine Leberverletzung erlitten. Ryan führte aus, dass anschließend mehrere Trainer mit dem Pferd gearbeitet hätten. Die Besitzerin habe ihm schließlich mitgeteilt, dass Nico eingeschläfert werden solle, falls auch Ryan nicht helfen könne. Diese Angaben gibt die Tribunalentscheidung als Ryans Darstellung wieder.
Ryan erklärte außerdem, nach Prinzipien der Equitation Science und der negativen Verstärkung gearbeitet zu haben. Die Aufnahmen zeigten nach seiner Darstellung eine Eskalationsphase, nachdem leichtere Hilfen erfolglos geblieben seien. Die Reaktionen des Pferdes bezeichnete er als Konfliktverhalten und nicht als Angstverhalten.
Tribunal: Gerteneinsatz war exzessiv
Das Tribunal stellte bei seiner eigenen Betrachtung der Videos fest, dass Nico auf die Gerte unter anderem mit Ausschlagen und der Weigerung reagierte, vorwärtszugehen. Ryan habe das Pferd dabei nicht wahllos an verschiedenen Stellen des Körpers geschlagen. Die Schläge seien auf die Hinterhand erfolgt, wenn das Pferd nicht vorwärtsging beziehungsweise ausschlug. Das Panel stellte zudem fest, dass Ryan in den Aufnahmen keinen sichtbaren Wutausbruch zeigte.
Im zweiten Video hörte der Gerteneinsatz nach Feststellung des Tribunals auf, als Nico vorwärtsging. Anschließend war das Pferd im Trab zu sehen.
Das Tribunal kam dennoch zu dem Ergebnis, dass die Aufnahmen einen aggressiven Einsatz der Gerte zeigten, mit dem Ryans Ziel gewesen sei, den Widerstand des Pferdes zu überwinden. Es hielt fest, dass Ryan selbst geglaubt haben könne, sein Vorgehen sei aufgrund der Vorgeschichte des Pferdes notwendig und angemessen. Nach Überzeugung des Panels war der Einsatz der Gerte dennoch exzessiv. Ryan habe damit „Abuse of Horse“ im Sinne von Artikel 142 der FEI General Regulations begangen.
Artikel 142.1 verbietet Handlungen oder Unterlassungen, die einem Pferd Schmerzen oder unnötiges Unbehagen verursachen oder wahrscheinlich verursachen. Als Beispiel nennt die Vorschrift ausdrücklich das übermäßige Peitschen oder Schlagen eines Pferdes.
Auch Verstoß gegen den Code of Conduct festgestellt
Neben der Pferdemisshandlung stellte das Tribunal fest, dass Ryans Verhalten die FEI und den Pferdesport in Verruf gebracht habe. Es verwies dabei auf die Veröffentlichung der Aufnahmen sowie die anschließende breite Kritik in Medien und Öffentlichkeit. Dieser Verstoß wurde nicht gesondert sanktioniert, sondern als Folge der festgestellten Pferdemisshandlung behandelt.
Das Tribunal stellte außerdem einen Verstoß gegen den FEI Code of Conduct for the Welfare of the Horse fest. Dieser verlangt unter anderem, dass das Wohlergehen des Pferdes Vorrang haben muss und Pferde keinen missbräuchlichen oder Angst verursachenden Trainingsmethoden ausgesetzt werden dürfen. Auch dieser Verstoß wurde nicht separat sanktioniert.
FEI beantragte zwei Jahre Sperre
Für die Sanktion legte das Tribunal die zum Zeitpunkt des Vorfalls geltenden FEI-Regeln von 2023 zugrunde. Sie sahen bei Pferdemisshandlung vier Kategorien vor: drei Monate Sperre im Low-End-Bereich, drei Monate bis zwei Jahre im Mid-Range, zwei bis fünf Jahre im Top-End-Bereich und eine lebenslange Sperre als Höchststrafe.
Die FEI beantragte eine **zweijährige Sperre**, wobei die bereits verbüßte vorläufige Suspendierung angerechnet werden sollte. Hinzukommen sollten eine Geldstrafe von 10.000 Schweizer Franken sowie 3.000 Franken Verfahrenskosten.
Ryan hatte dagegen geltend gemacht, dass die bereits eingetretenen Auswirkungen der Suspendierung auf seine Reputation und seine wirtschaftliche Tätigkeit berücksichtigt werden müssten und keine weitere Geldstrafe verhängt werden solle.
Warum das Tribunal 18 Monate verhängte
Bei der Strafzumessung berücksichtigte das Tribunal mehrere Punkte zugunsten Ryans. Es verwies auf seine zuvor unbelastete Bilanz während rund vier Jahrzehnten im Sport. Außerdem betraf der festgestellte Verstoß ein Pferd und eine einzelne Trainingseinheit. Das Panel bezeichnete Ryans Handeln als einen „measured if misguided attempt“ – einen kontrollierten, wenn auch fehlgeleiteten Versuch, den Widerstand des Pferdes beim Ausschlagen zu überwinden. Hinzu kam die Unterstützung, die Ryan im Verfahren von Mitgliedern der australischen Pferdesportszene erhielt.
Zu seinen Lasten wertete das Tribunal die Schwere des Verhaltens, insbesondere die Zahl und die Kraft der Schläge. Es hielt außerdem fest, dass es von Ryan zumindest eine Anerkennung der Härte der vorliegenden Bilder erwartet hätte.
Das Tribunal stufte den Fall schließlich als Mid-Range ein und verhängte eine Sperre von 18 Monaten. Damit blieb es sechs Monate unter den von der FEI beantragten zwei Jahren.
Auch die Geldstrafe orientiert sich an dieser Einstufung. Für einen Mid-Range-Fall sahen die damals geltenden Regeln zwischen 2.000 und 3.000 Schweizer Franken vor. Das Tribunal setzte mit 3.000 Franken den Höchstbetrag dieses Bereichs fest. Als Gründe nennt es die Schwere der Pferdemisshandlung, insbesondere Zahl und Kraft der Schläge sowie die dem Pferd verursachten Schmerzen.
Sperre endet im Dezember
Die bereits seit dem 12. Juni 2025 geltende vorläufige Suspendierung wird vollständig auf die 18 Monate angerechnet. Damit läuft Ryans Sperre vom 12. Juni 2025 bis zum 12. Dezember 2026.
Zum Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung Ende August 2026 waren damit bereits mehr als 14 Monate der Sperre verstrichen.
Ryan bestritt auch die Zuständigkeit der FEI
Ein weiterer Teil des Verfahrens betraf die Frage, ob die FEI in diesem Fall überhaupt Disziplinargewalt über Ryan hatte.
Ryan führte dabei ausdrücklich an, dass Nico kein bei der FEI registriertes Pferd gewesen sei. Die Trainingseinheit habe zudem weder mit einer FEI-Veranstaltung noch mit der Vorbereitung auf eine solche in Verbindung gestanden. Er habe dabei keine Funktion für die FEI ausgeübt und sei für die Trainingseinheit nicht bezahlt worden.
Er behielt sich ausdrücklich vor, die Zuständigkeit der FEI für private Handlungen außerhalb eines Wettkampfs und der FEI-Vorbereitung mit einem nicht FEI-registrierten Pferd anzufechten.
Das Tribunal trennte deshalb die Fragen des anwendbaren Rechts und der Zuständigkeit zunächst vom Verfahren über die eigentlichen Vorwürfe. Am 20. Februar 2026 teilte es den Parteien seine Entscheidung dazu mit: Anwendbar seien die FEI-Statuten und -Regeln sowie ergänzend Schweizer Recht. Gleichzeitig stellte das Tribunal fest, dass die FEI Disziplinargewalt über Ryan habe.
Die ausführlichen Gründe zu dieser Vorentscheidung wurden den Parteien laut Urteil am 25. August 2026 gesondert mitgeteilt. Sie sind in der vorliegenden 26-seitigen Entscheidung nicht wiedergegeben.
Berufung beim CAS möglich
Das FEI-Tribunal stellte damit Verstöße wegen Pferdemisshandlung, wegen eines Verhaltens, das die FEI und den Pferdesport in Verruf gebracht habe, sowie gegen den FEI Code of Conduct for the Welfare of the Horse fest. Ryan wurde für 18 Monate gesperrt und zur Zahlung von insgesamt 6.000 Schweizer Franken verurteilt.
Gegen die Entscheidung kann innerhalb von 21 Tagen nach Zustellung Berufung beim Court of Arbitration for Sport (CAS) eingelegt werden.
Quelle: FEI Tribunal, Heath Ryan v. FEI, Ref. C25-0035 [2025/HA2], Entscheidung vom 27. August 2026.
