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Andrea Jänisch – Typgerecht trainieren: Das lauffreudige Pferd

Andrea Jänsich auf Vigo, der sie als lauffreudiges Pferd an Grenzen gebracht hat.

Als der damals achtjährige Lusitano Vigo aus Portugal zu Andrea Jänisch kam, konnte er unter dem Reiter kaum einen ruhigen Schritt gehen. Vor lauter Anspannung flüchtete er sofort in die Bewegung. „Er war das heißeste Pferd, das ich je geritten bin“, erinnert sich die Trainerin. Heute, 16 Jahre später, beherrscht Vigo Traversalen, fliegende Wechsel und die Piaffe.

Wer genau hinsieht, entdeckt an vermeintlich lauffreudigen Pferden meist deutliche Anzeichen von Anspannung oder Unsicherheit. Solche Pferde scheinen ständig „auf dem Sprung“ zu sein. Sie reagieren äußerst sensibel auf ihre Umgebung und können schon bei Kleinigkeiten durchstarten. „Viele Reiter verstärken die Probleme dieser Pferde, indem sie viel zu viel agieren, zu schnelle und zu große Bewegungen machen und sprudelnde Gedanken haben“, sagt Andrea Jänisch. Die Bad Endorferin besitzt Trainer- und Richterlizenzen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e. V., des Islandpferde-Reiter- und Züchterverbands Deutschland e. V., der Internationalen Gangpferdevereinigung IGV e. V. sowie der Working Equitation Deutschland e. V. und gibt europaweit Unterricht und Seminare. „Pferde als reine Fluchttiere beobachten ihr Umfeld permanent, reagieren auf kleinste Veränderungen und interpretieren sehr schnell, was um sie herum geschieht. Dieses Verhalten ist aus Sicht eines Fluchttieres überlebenswichtig“, sagt sie und ergänzt: „Sie scannen nicht nur ihre Umwelt, sondern auch uns. Sie reagieren unmittelbar auf Veränderungen in unserem Verhalten, unserer Körperspannung oder unserer Aufmerksamkeit, egal, ob wir neben ihnen stehen oder im Sattel sitzen.“

Nach Erfahrung der Trainerin ist es ein häufiges Problem, dass das Selbstbild vieler Menschen nicht mit der Realität übereinstimmt: „Auch wenn wir uns selbst ruhig und sicher vorkommen, kann die Wirkung auf das Pferd ganz anders sein.“ Erst kürzlich habe sie mit einer Schülerin gearbeitet, deren Pferd sofort ruhiger und aufmerksamer wurde, nachdem sie ihre Gedanken sortiert und sich voll auf die Aufgabe konzentriert hatte: „Sobald ihre Gedanken jedoch abschweiften, veränderte sich ihr Muskeltonus und das Pferd übernahm die Führung.“

Von KI gezeichnetes lauffreudiges Pony
Lauffreudiges Pony. Zeichnung: KI/DS

Deshalb beginnt für Andrea Jänisch die Arbeit mit reaktiven Pferden immer beim Reiter: „Ruhigen und sicheren Menschen schließen sich diese Pferde gern an. Klare Vorstellungen und strukturierte Abläufe geben ihnen Orientierung und Sicherheit. Ich formuliere es gern so: Pferde brauchen eine genaue Jobbeschreibung. Deshalb sollte der Reiter mit einem klaren Plan in jede Trainingseinheit gehen und diesen bei Bedarf anpassen.“

Schlüsselbereiche im Pferdekörper

Bei Vigo zeigten sich die typischen körperlichen Spannungsmuster, die Andrea Jänisch bei vielen reaktiven Pferden beobachtet: Verspannungen im Bereich der Halsbasis, des Unterhalses und des Kreuz-Darmbein-Gelenks (ISG). „Vigo war in einem anhaltenden Spannungszustand, der sich durch einen massiv angespannten Unterhals mit hoher Kopf-Hals-Position äußerte. Statt ihn mit der Hand zu bremsen, versuchte ich, ihn in eine Körperhaltung zu bringen, in der Entspannung überhaupt möglich wurde.“ Hinzu kamen ein steifer und wenig beweglicher Lendenbereich und ein fixiertes ISG. „Dies schränkt die Fähigkeit eines Pferdes ein, schnelle Richtungswechsel und Ausweichbewegungen im Fluchtfall auszuführen. Dies kann innere Spannung fördern. Erst wenn die Beweglichkeit vorhanden ist, kann das Pferd seinen Körper wirklich loslassen, anstatt seinen Überlebensinstinkten zu folgen“, erklärt sie.

Kopf-Hals-Haltung vom Boden aus verändern

Bei sehr angespannten, häufig überreaktiven Pferden beginnt Andrea Jänisch mit Bodenarbeit. Auch Vigo lernte zunächst vom Boden aus, seinen Hals auf ein Signal fallen zu lassen und den Kopf zu senken, erst im Stand und später im Schritt und Trab. Letzteres brauchte allerdings Zeit und Übung. Die Trainerin stellte sich zunächst im Halten seitlich neben das Pferd. Die rechte Hand lag im Bereich des Genicks, während die linke den Kopf am Halfter oder an der Trense in einem leichten Bogen zu sich führte. Ihrer Erfahrung nach finden viele Pferde aus dieser leicht gebogenen Position einfacher in eine tiefere Kopfhaltung als bei einer geraden Führung nach unten: „Bei den ersten Versuchen musste ich intervallartigen Druck, ähnlich wie bei einer Akupressur, auf die Bandansätze des Nackenbandes ausüben, um Vigos verhärtete Strukturen zum Nachgeben zu bringen. Dazu müssen die Finger links und rechts der Schädelbasis liegen.“ Wichtig war für Andrea Jänisch, die Übung ruhig und ohne Zeitdruck aufzubauen. Vigo sollte den Weg in eine entspanntere Körperhaltung selbst finden. Eine gesenkte Kopfhaltung, so die Trainerin, ist auch in der Natur ein Zeichen für Entspannung, während eine hohe Kopf-Hals-Position immer mit Fluchtreflex und Adrenalinausschüttung verbunden ist. Erst als sich Vigo am Boden entspannen konnte, begann Andrea Jänisch zu reiten. Sie rät, sich selbst nicht zu überschätzen: „Ich würde kein Pferd reiten, wenn es sein kann, dass die Situation aus dem Ruder läuft.“ Bei reaktiven Pferden arbeitet sie deshalb zunächst mit einer zweiten Person am Boden. „Sobald sich Vigo anspannte, erinnerte ihn der Helfer mit der Hand am Genick daran, den Kopf zu senken. Ergänzend kann eine Longe als Notanker dienen. Schießt das Pferd los, kann der Helfer es über die Longe wieder zu sich holen und an das Kopfsenken erinnern.“

Koordination verbessern

Übungen auf wechselnden Untergründen verbessern nach Erfahrung der Trainerin durch taktile Reize die Koordinationsfähigkeit des Pferdes. Mithilfe von zwei zusammengestellten Paletten, auf deren Oberfläche stabile Holzplatten aufgeschraubt waren, entwickelte Vigo ein besseres Gefühl für seine Hinterhand. „Ich ließ ihn hinaufsteigen und zunächst stehenbleiben.“ Beim Herabsteigen hielt ich ihn so an, dass die Vorderbeine bereits auf dem Boden und die Hinterbeine noch auf der Palette standen. Sehr wirkungsvoll ist es auch, das Pferd aus dieser Position rückwärts wieder auf die Palette zu schicken. Bei dieser anspruchsvollen Koordinationsübung muss es sich mit der Hinterhand tragen. Wichtig ist, dass das Pferd meinen Ansagen nicht zuvorkommt. Damit es gerade auf der Palette steht, verwende ich eine Gerte als optische Hilfe oder touchiere es, wenn nötig“, berichtet sie. Dem Lusitano machte diese Übung so viel Spaß, dass er sie häufig frei fortsetzte, nachdem Andrea Jänisch ihn zum Wälzen freigegeben hatte.

Die Hinterhand beweglich machen

Vigo war wie viele eilige Pferde auf einer Hand besonders steif und ließ sich schlecht lenken. „Meist sind diese Pferde auf einer Seite nicht in der Lage, die Hinterbeine zu kreuzen. Auch hier begann ich am Boden und ließ Vigo mit den Hinterbeinen kreuzen. Diese Bewegung macht die Hinterhand beweglicher, aber nur, wenn das ISG vorher gegebenenfalls durch einen Therapeuten deblockiert wurde.“
Aus den gleichen Gründen empfiehlt Andrea Jänisch viele Seitengänge: „Ich reite sie nicht als korrekte Dressurlektionen auf vorgeschriebenen Linien, sondern im Schritt auf meist freien Linien in schultervor- oder schulterhereinartigen Positionen. Je heißer das Pferd ist, desto enger dürfen die Linien sein. Sobald der Bauchmuskel über den Schenkel aktiviert wird, beginnt der Antagonist, in diesem Fall die Oberlinie, loszulassen. Deshalb reite ich so lange Seitengänge, bis das Pferd seinen Körper ohne Widerstand organisieren kann.“ Der Reiter sollte das Gefühl haben, dass die Energie ohne Blockaden vom inneren Hinterbein bis zur äußeren Schulter fließt. „Je geschmeidiger diese Verbindung wird, desto leichter findet das Pferd ins Gleichgewicht und desto ruhiger wird es“, betont sie. Erst als Vigo im Schritt entspannt blieb, wechselte die Trainerin in einen sehr ruhigen Trab im Jog-Tempo. Auch dort gehörten Seitengänge und das Kopfsenken weiterhin zu seinem Training: „Sobald er auch im Trab ansprechbar blieb, konnte ich andere Dinge reiten.“
Ein zufriedener Lehrmeister
Heute lebt Vigo, mittlerweile 24-jährig, bei einer Schülerin von Andrea Jänisch: „Er ist immer noch ein spezielles Pferd, das einem aber viel beibringen kann. Er beherrscht fortgeschrittene Lektionen und mag Freiarbeit. Klare Strukturen im Training sind für ihn bis heute sehr wichtig, so arbeitet ihn seine Besitzerin zum Beispiel fast immer kurz vom Boden aus, bevor sie aufsteigt.“

(Nicole Weinhardt)