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Vertrauen statt Emotion

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Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft “Achtsamkeit! Wenn das Pferd den Menschen spiegelt”.

Nick Mott: Vertrauen statt Emotion

Foto: www.slawik.com

Nick Mott ist Berufsreitlehrer FN, lebt und arbeitet im Raum Köln-Bonn. Für die Dressur-Studien hat er aufgeschrieben, welche Rolle Emotionen beim Reiten spielen sollten.

Ein Augenblick der Geduld kann vor großem Unheil bewahren, ein Augenblick der Ungeduld ein ganzes Leben zerstören.(Chinesische Weisheit)

Reiten ist Charakterbildung. Pferde interessieren sich nicht für Rang, Namen, Status. Pferde interessiert, wer der Reiter wirklich ist. Und das machen Pferde an einem wesentlichen Punkt fest: an der Befindlichkeit des Reiters in Problemsituationen.

Es lässt sich wohl feststellen, dass sich die wahre Kompetenz eines Reiters oder Ausbilders in gewissen Schlüsselmomenten zeigt. Ein erfahrener Pilot, Bergführer oder Taucher wird in prekären Situationen nie die Ruhe verlieren, sondern im Wissen um die nötigen Verfahrensweisen und im Vertrauen auf seine Expertise darin ruhig bleiben können – Emotionalität hingegen macht in der Regel prekäre Situationen noch prekärer und erhöht das Risiko des Scheiterns.

Wenn Pferde dem Reiter oder Ausbilder Probleme bereiten, dann in erster Linie, weil sie mit einer Situation aus verschiedenen Gründen nicht klarkommen (Fremdheit, mangelndes Vertrauen, Schmerzen, Angst …) und sich dieser entziehen wollen. Die Entspanntheit des Pferdes beruht auf der Basis von Sicherheit.

 

Untersuchungen im Bereich des Katastrophenmanagements zeigen beispielsweise, dass Menschen in einer Krisensituation (einer Situation also, die eine Desorganisation der Orientierungsstrukturen zur Folge hat) sofort nach neuen Orientierungsmöglichkeiten Ausschau halten und dazu nach geeigneten Signalen und Signalgebern suchen. Das trifft auch auf das Pferd zu.

In seiner persönlichen Krise braucht das Pferd ebenfalls geeignete Signale und einen ebensolchen Signalgeber, der Orientierung nicht nur verspricht, sondern auch wirklich gibt.

Dazu bedarf es aber eines gefestigten Reiters, also eines unerschütterlichen Strukturgaranten, dem vertrauensvoll die Weisung zu neuer Sicherheit abgenommen werden kann.

Echte Führung wird signalisiert durch energetische Bereitschaft und augenscheinliche Befähigung, eine Krise zu bewältigen, gleichzeitig aber auch durch das Ausstrahlen von Ruhe – durch das Vertrauen in die eigene Expertise – die sich übertragen lässt.

Leitstuten und -hengste sind nervenstark, wachsam (hohe Reaktionsbereitschaft), reaktionsstark (Reaktionen sind eindeutig, zügig-aggressiv, ausführungssicher), willensstark und drücken all dies durch ihre Haltung und ihr Verhalten aus. Pferde kennen das also und orientieren sich an diesen Signalen.

Wer also „Gehorsam“ will, muss Vertrauen schaffen.

Wer Vertrauen schaffen will, der muss an sich selbst arbeiten.

Pferde sind die besseren Lügendetektoren und entlarven leicht den Schein.

Pferde wie Menschen benötigen in Krisensituationen:

  • klare, weil eindeutige und verständliche Signale in der Kommunikation
  • ergänzend dazu die richtigen Signale von der Signalgeberpersönlichkeit, die vertrauensbildend wirken
  • Autorität, die aus der Kompetenz entsteht, welche wiederum signalisiert wird durch Strukturangebot und augenscheinliche Funktionalität
  • Autorität durch die emotionale Ankerqualität – also ein „Fels in der Brandung“ Eine Deeskalation der Emotionalität kann nur erreicht werden, wenn wenigstens einer der Beteiligten sich nicht emotional triggern lässt.
  • ein Ziel, das erreichbar scheint und gleichzeitig eine Verbesserung des Stressmoments verspricht.

 

Im Idealfall wurde all dies bereits im Vorfeld der Krise durch angemessene Konditionierung im Umgang miteinander angelegt und gepflegt.

Ansonsten muss im Krisenfall das Pferd mental so weit bei einem bleiben, dass es noch *überzeugt“ werden kann zuzuhören, andernfalls regiert die Kopflosigkeit und damit das maximale Risiko.

Reiter ärgern sich gern, oft und sinnlos. Gern, weil es leichter ist, seinen Unmut über die eigene Wirkungslosigkeit auf das Pferd zu projizieren.

Oft, weil die Eigeneinschätzung auf einer generellen Fehleinschätzung der Sachlage und Überschätzung der eigenen Fähigkeiten oder der des Pferdes beruht.

Sinnlos, weil der Ärger in der Regel nicht hilft, etwas zu verbessern.

Aber woher kommt der Ärger eigentlich?

Er ist Ausdruck einer Enttäuschung (Ent-Täuschung).

Eine Erwartung wurde nicht erfüllt und im schlimmsten Falle bedeutet dies für den Reiter, dass er einer Selbsttäuschung erlegen ist, was seine reiterliche Kompetenz angeht. Das nagt natürlich erheblich am Ego. Und erzeugt zusätzlich, je nach Charakter, auch Ängste, da einem bewusst wird, wie wenig man doch in Wirklichkeit kontrolliert. Dabei ist Kontrolle bei den meisten Reitern das wesentliche Element, um Sicherheit zu erzeugen.

Ist also gefühlt die Eigenkontrolle über das Pferd und die Situation gefährdet, kommt es schnell zu Verlustängsten, die gern auch durch Ärger kaschiert werden.

Verlust der Kontrolle ist für so ziemlich alle Reiter also ein absolutes Übel.

Kontrolle beruht jedoch entgegen der landläufigen Annahme nicht auf unterwürfigem Gehorsam des Pferdes, sondern auf der Ausbildung seiner Intelligenz, seines Selbstvertrauens und seiner Koordinationsfähigkeiten: im assoziativen (= Transfer-Intelligenz) wie auch im körperlichen Bereich.

Wenn etwas also „Ärger“ bereitet, dann deswegen, weil es ärger („arg“ = schlimm, übel, böse) zu werden droht und damit Angst macht. „Angst“ kommt von „Enge“ und zwar der Enge des eigenen Handlungsspielraums, der, wenn er erschöpft ist, nur noch das Scheitern in Aussicht stellt.

Deshalb vermeidet der kluge Reiter Situationen, die seinen Handlungsspielraum beziehungsweise den des Pferdes schnell erschöpfen könnten, und sorgt dafür, dass sein Pferd kompetent wird.

 

Das Pferd, das nicht zum Gehorsam gezwungen, sondern befähigt wird, Situationen aus eigener Anschauung und Befähigung adäquat zu bewältigen, wird zunehmend „unerschütterlicher“ und gibt auf diese Weise das Vertrauen, das der Reiter während der Ausbildung in die Kompetenzbefähigung seines Pferdes investiert hat, wieder an ihn zurück: dadurch, dass es handlungssicher ist, kann es auf diese Handlungssicherheit im Krisenfall zurückgreifen. Das ermöglicht dem Reiter, in solchen Situationen nicht emotional zu werden (also: keine Angst haben zu müssen, weil kein Ärger droht, da das Pferd krisenkompetent ist), weil er weiß, was sein Pferd kann.

Das erhält der Ausbilder oder Reiter aber nicht von heute auf morgen, es ist ein je nach Disposition des Pferdes (Temperament, Charakterstärke, Intelligenz, Erfahrung) unterschiedlich langer und aufwendiger Prozess. Dieser Prozess beginnt im günstigsten Falle bereits beim Fohlen, findet aber in jedem Fall seinen Anfang bei der Arbeit am Boden und an der Hand. Erst wenn da ersichtlich wird, dass auf beiden Seiten Kompetenz gewonnen wurde, sollte überhaupt an Reiten gedacht werden. Der Reiter kann nämlich nicht von oben besser kontrollieren, was er von unten bereits versemmelt hat.

Die meisten Reiter werden nicht nur emotional wegen des Stresses eines empfundenen Risikos bei drohendem Kontrollverlust, sondern auch schlicht deshalb, weil sie aus Hilflosigkeit keine echte Alternative dazu sehen.

 

Diese Hilflosigkeit ist verschiedenen Faktoren geschuldet:

 

  • Unkenntnis grundlegender Zusammenhänge von Psychologie, Anatomie, Bewegungsphysik, Trainingslehre, Reitmethodik
  • mangelnde Vision über mögliche, machbare Zielsetzungen und die dafür förderlichen Vorgehens- und Verfahrensweisen
  • Zerstörung des Selbstbildes mit Verlust der Selbstgewissheit und – auch nicht selten:
  • Furcht vor der „Blamage“ bei anderen Anwesenden
  • anerzogene Unfähigkeit, Fehler und Scheitern gelassen als unvermeidliches Lehrgeld zu akzeptieren – und durchaus ganz besonders elementar:
  • „Linearisierung“ des Denkens – also alternativlose Verbissenheit im Durchsetzen von beschlossenen, eingeleiteten Prozessen, anstatt flexibel versiert Impulse aufzugreifen und jongleurhaft zu integrieren, also ab einer gewissen Problemstufe zu pausieren, zu wechseln oder eben geschmeidig aus der Not eine Tugend zu machen.

Was bedeutet das für den Reiter?

Seine Emotionalität an und auf dem Pferd ist durchaus als Gradmesser seiner „Richtlinienkompetenz“ zu werten. Selbstkritisch muss er zur Kenntnis nehmen, dass es offensichtlich Kompetenzdefizite bei ihm und seinem Pferd gibt, die es aufzuarbeiten gilt und zwar in allen eben genannten sechs Punkten bei sich selbst und bei seinem Pferd in punkto Krisenkompetenz, die dann entsteht, wenn das Selbstbewusstsein des Pferdes in der Ausbildung gefördert wird.

Im Umgang mit „sensiblen“ Kunden muss der Ausbilder nicht feige sein und das direkt kommunizieren, denn ein „Drumherum-Geeiere“ führt zu rein gar nichts.

Im Grunde ist all das auch kein echtes Problem, da ja Lösungen für jeden Fall existieren und von jedem angewandt werden können!

Für mich als Ausbilder ist der Prüfstein dafür, ob eine Zusammenarbeit auf Dauer sinnvoll ist, dass der Klient bereit ist, die Kärrneraufgabe auf sich zu nehmen und sich aus dem leistungslähmenden Morast des Dünkels freizuschaufeln.

Der Dünkel ist die Hauptquelle für die hinderlichen Emotionen, da im Fall der Konfrontation (Dünkel versus Realität) die offensichtliche Diskrepanz zur Erschütterung und damit Destabilisierung der Selbstgewissheit führt: Das wird mit Gefühlen aller Art quittiert – nur leider zieht es zu selten eine selbstkritische Reflektion nach sich.

Das alles ist nicht wirklich neu, François Baucher hat bereits im 19. Jahrhundert dazu angemerkt:

Ist Dein Pferd stützig, heftig, ungefügig, so dürfen wir kecklich die Behauptung aufstellen, Dir gebricht es an liebenswürdigem Charakter und richtiger Methode.

Oder wie Xenophon vor über 2300 Jahren bereits anmerkte:

Dein Pferd sei zuverlässiger Freund, nicht Sklave!

Freunde gewinnt man, die unterwirft man nicht. Und was könnte gewinnender sein als Vertrauen?

Mehr zu Nick Mott erfahren Sie unter www.nick-mott.de

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft “Achtsamkeit! Wenn das Pferd den Menschen spiegelt”.