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Nick Mott: Rückwärts (auf)richten

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Das ist eine Leseprobe aus unserem Heft 1/2020 „Rückwärtsrichten“

„Das ist eines meines Lieblingsthemen“, sagte Berufsreitlehrer Nick Mott, als wir ihn baten, seine Ansichten zum Thema Rückwärtsrichten für uns aufzuschreiben. Sitzt er nicht gerade für die Dressur-Studien am Schreibtisch, unterrichtet er im Raum Köln-Bonn.

„Rückwärtsrichten“ bedeutet, das Pferd durch Rückwärtsrichten aufzurichten.
Aufrichtung bedeutet in dem Zusammenhang die relative Aufrichtung, also das Erhöhen von Hals und Kopf, durch gleichzeitiges Absenken der Hinterhand, mit verstärkter Beugung der Hanken. Gleichzeitig erhöht das den Spannungsbogen über die Rückenmuskulatur.
All das hat rein gar nichts mit dem gemeinsam, was heute allenthalben in vielen Reithallen zu sehen ist: Pferde, die zurückgezogen werden, die nicht fußen, sondern die Hufe schleifen lassen oder steif staksen, die dabei keinen Zweitakt der Fußfolge aufweisen, sondern einen Schritt-Viertakt, deren Rücken durchhängt und abgespannt bleibt, die nicht schnürend spuren, sondern breit und schief fußen, die ihren Kiefer verschieben, die dabei einen Hirschhals bekommen, deren Kruppe waagerecht bleibt, die danach schräg stehen oder ungleich, die ohne erzeugte Hankenspannung nicht in der Lage sind, aus dem Stand mühelos anzugaloppieren oder auch nur anzutraben.

Es heißt nicht umsonst RückwärtsRICHTEN.
„Richten“ meint: etwas geradebiegen, vorbereiten, in eine Richtung bringen, auf etwas zulenken, also: auf etwas ausrichten.
Damit ist das Ausrichten der Hinterhand durch Begradigen und Verengen der Spur in Richtung Schwerpunkt gemeint, bei gleichzeitigem Absenken der Kruppe durch Beugen der Hanken, wodurch ein Spannungsvektor erzeugt wird, der wie ein Pfeil beim gespannten Bogen in Zielrichtung Schwerpunkt weist und nur darauf wartet, losgelassen zu werden und die so erzeugte positive Spannung durch Aktion zu lösen.

Das kann jeder leicht selber ausprobieren: Einfach eine Kniebeuge machen und dabei auf halbem Weg nach unten verharren und sofort spüren, wie die Spannung allein durch das leichte Beugen und Verharren direkt anwächst und damit auch das Bedürfnis, sich wieder daraus zu lösen.

Diese dabei vom Pferd zu bewältigenden Anforderungen sind nicht trivial. Eine mindestens leichte Versammlungsfähigkeit unter dem Reiter muss bereits gegeben sein, das Pferd also bereits ein ansatzweises Verständnis für den Einsatz von Hankenbeugung zur verstärkten Lastaufnahme haben (zum Beispiel durch versammelnde Galopparbeit, Cavalettitraining oder Klettern).
Das Pferd muss bereits über einen gut entwickelten seitlichen Verwahrungsgehorsam verfügen, um es dabei gerade zu halten und seitliche Ausweichbewegungen gut begrenzen zu können. Deshalb ist das meiner Meinung nach keine Aufgabe, die in eine A-Dressur gehört und frühestens bei einem Pferd der Klasse L möglich ist – und auch da noch keineswegs regulär.
Um sich eine Lektion bestmöglich zu erschließen, ist ein Dreischritt hilfreich:
Zweck – Vorbereitung – Ausführung.

So sollte es NICHT aussehen. Foto: www.slawik.com

Zweck:
Was viele nicht wissen oder missverstehen ist, dass das Rückwärtsrichten selbst nichts trainiert. Es ist nichts anderes als eine Lektion zum Beurteilen der Versammlungsfähigkeit, die nicht getürkt werden kann, denn entweder geht ein Pferd gerade, geregelt, geschlossen in die steigende Versammlung durch das Rückwärtsrichten oder es macht das nicht. Jedes Fehlverhalten wird direkt sichtbar und ist nicht kaschierbar.
Das Rückwärtsrichten unter Pferden ist eine Unterwerfungsgeste und für ein Pferd nicht von Haus aus positiv besetzt. Schon allein aus diesem Grund kann es unmöglich richtig sein, ein Pferd gegen seinen natürlichen Widerstand und ohne kausale Logik rückwärtszurichten – warum sollte das Pferd rückwärtsgehen, wenn da kein „ordentlicher“ Grund vorhanden ist, und wem oder was soll es sich da eigentlich „unterwerfen“?
Die „kausale Logik“ besteht nur darin, dass vonseiten des Reiters – beginnend beim Einleiten der ganzen Parade bis zum Halten und anschließendem Rückwärtsrichten – eine Spannung aufgebaut und erhalten wird, aus der das Pferd immer in ein mögliches Vorwärts entlassen werden kann.

Es ist in jedem Fall falsch und kontraproduktiv, dem Pferd das Rückwärtsrichten abzunötigen, indem es aktiv durch den Zügel vom Gebiß wegdrängt wird, am „besten“ noch durch drängelnden Schenkel oder gar Sporn. Dadurch wird dem Pferd nur beigebracht, sich nach unten von diesem Druck zu befreien und sich so nach hinten „auszuschleichen“. Das kann auch ein Sperren des Genicks mit Widerstand auslösen, ein Verwerfen in den Ganaschen oder gar das Herausheben provozieren bis hin zum logisch folgerichtigen Steigen!
Ein Pferd soll rückwärtsgehen, weil es eigentlich seine durch den Reiter und die angewandten Hilfen erzeugte positive Spannung über die gesamte Länge des Pferdekörpers jederzeit nach vorn zu lösen bereit ist und lediglich durch die Einwirkung des Reiters das Rückwärtsrichten als Steigerung der bereits erzielten Grundspannung annimmt, um daraus die Impulsfähigkeit für schwere Manöver (vom Angaloppieren aus dem Stand bis hin zum Passagieren) zu gewinnen.
Sobald das Rückwärtsrichten durch falsche Ausführung, zu frühe Anforderung und negative Begleiterscheinungen zu einem für das Pferd unattraktiven Vorgang abgestempelt worden ist, wird die Bereitwilligkeit des Pferdes dazu stark sinken.
So lernt das Pferd auch niemals das adynamische (kein Schwung, keinerlei Bewegung) Halten einer Rückenspannung! Und exakt das ist es, was der Reiter benötigt, um später bei entsprechend anspruchsvolleren Lektionen nicht die dazu benötigte Grundspannung ständig aktiv „herbeireiten“ zu müssen – und das aus drei Gründen: 1. Weil das Pferd abstumpft und 2. die reiterlichen Ressourcen unnötig bindet, die für andere Aufgaben nicht zur Verfügung stehen, und 3. die Performance des Pferdes deutlich schlechter ist, weil es durch die ständigen mechanischen Hilfen des Reiters gestört wird.

Vorbereitung:
Für das Rückwärtsrichten brauchen wir ein Pferd im positiv gespannten Stand und dazu eben eine ganze Parade zum Halten. Die Vorbereitung der ganzen Parade zum Halten beginnt wiederum mit dem korrekten Durchreiten der vorherigen Ecke! Je tiefer die Ecke korrekt ausgeritten wurde, desto mehr wurde dadurch das Stützbein belastet und da jede Veränderung der Bewegung immer vom Stützbein ausgeht, muss die Einleitung der Parade zum Halten über die Stützphase des Stützbeines stattfinden.
Je besser das Pferd sich bereits über diese „Eckenreitweise” ausbalancieren kann, desto leichter kommt die Parade selbst über das Stützbein durch. Desto mehr kann das Pferd sich also bereits auf die Hinterhand „setzen“ und desto mehr wird die Hanke dadurch insgesamt bereits vorgebeugt. So muss vom Pferd viel weniger Widerstand gegen seine eigene Statik überwunden werden (Hinterhand nicht sperrig verstellt, Rücken nicht durchhängend, keine Maullastigkeit, Gelenke nicht durchgedrückt).

Ausführung:
Ich verlange regulär dreieinhalb Tritte. Der halbe Tritt ist das Beistellen gleichauf nach drei diagonalen Tritten. Ich frage deshalb nur dreieinhalb Tritte ab, weil mehr Tritte keinesfalls ein Mehr an Versammlung bedeuten und es eine Grenze der steigenden Beugungsbelastung gibt. Dies lässt sich mit der schon erwähnten menschlichen Kniebeuge vergleichen. Bis zu einem gewissen, nicht zu tiefen Winkel wird die Spannkraft der Muskulatur positiv verstärkt. Man kann natürlich noch tiefer gehen, aber kein Basketballer wird beispielsweise aus der Tiefhocke zum Korb hochspringen – das hat leicht nachvollziehbare Gründe. Einfach ausprobieren. Für das Pferd gilt sinngemäß dasselbe.
Die Hilfen:
Zum Rückwärtsrichten setze ich niemals die Hand ein! Sie dient lediglich der Begrenzung nach vorn. Ein Antrittsangebot des Pferdes nach vorn, was ein natürlicher Reflex ist, lehne ich ab, indem ich den Widerstand durch Nicht-Nachgeben erhöhe (Arrêt-Prinzip, feststehende, „arretierte” Hand). Der Impuls zum Rückwärtsrichten entsteht dazu aus dem „pumpenden Knieschluss“: Das bedeutet, dass ich durch kurzes, wiederholtes Pressen mit dem Knie (nicht mit dem Unterschenkel) das Signal zum Reagieren gebe. Würde ich stattdessen wechselseitig mit den Unterschenkeln treiben, erhöhte ich die Gefahr, dass das Pferd schwankt.
Den Pferderücken entlaste ich durch meinen Sitz ganz bewusst nicht: Täte ich das, hätte das Pferd keine Veranlassung, den Rücken lastmindernd einzusetzen und aufzuwölben. Stattdessen würde die dadurch nach vorn verschobene Last vorrangig von den Schultern des Pferdes gestützt, was auch noch den unerwünschten Effekt hat, dass das Pferd mit der Vorhand nicht mehr hebend fußt, sondern schleifend und sich das entsprechend auch auf die Tätigkeit der Hinterhand auswirkt.
Wenn das Pferd in der Ausbildung korrekt die ganze Parade erlernt hat und diese auch aushält (siehe unten), sollte es nach wenigen Versuchen sehr schnell möglich sein, das Pferd auf diese Weise zu einem geregelten, aktiven Rückwärtstreten zu veranlassen. Kann keine ganze Parade nach den vorgestellten Bedingungen geritten werden, verbietet sich das Rückwärtsrichten von selbst.

Aushalten einer ganzen Parade:
In dem Fall folgen einer ganzen Parade zum Halten mindestens drei Sekunden Unbeweglichkeit, die aber nicht länger als fünf Sekunden anhalten darf. Die mindestens drei Sekunden nutze ich, damit das Pferd nicht lernt, die Lektion voreilig „hinter sich zu bringen“. Zudem ist das Halten der erzeugten Spannung ein klarer Beweis für die korrekte Gymnastizierung des Pferdes.
Nicht länger als fünf Sekunden sollte die Unbeweglichkeit andauern, weil sonst die mentale Spannkraft des Pferdes durch Untätigkeit schnell abbaut und sich meist als Erstes der Rücken senkt, was statisch der Absicht des Rückwärtsrichtens widerspricht.
Nach dem erfolgreichen Rückwärtsrichten sollte das Aushalten nicht länger als drei Sekunden andauern, da ja jetzt eine gesteigerte Grundspannung (richtige Ausführung vorausgesetzt) besteht und diese dem Pferd nicht länger als nötig zugemutet werden sollte. Schließlich möchte man diese gesteigerte Grundspannung auch anschließend für anspruchsvollere Manöver aus dem Halten heraus nutzen.

Bei erfolgreicher Ausführung ist danach alles potenziell Mögliche abrufbar, weil das Pferd einen korrekten Spannungsbogen hat und die Hinterhand optimiert zum Schwerpunkt steht.

Mehr über Nick Mott erfahren Sie unter www.nick-mott.de

Das ist eine Leseprobe aus unserem Heft 1/2020 „Rückwärtsrichten“