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Goldige Oldies: Bea Borelle und ihr Ben

Bea Borelle und Ben. Foto: www.slawik.com

 

 

 

In unserem Heft „Putzmunter“ Glücklich mit älteren Pferden“ haben wir eine gekürzte Version dieses Beitrages von Bea Borelle veröffentlicht. Hier lesen Sie ihre Geschichte über Ben in ganzer, unbearbeiteter Länge. 

Eine kurze Geschichte einer langen Beziehung

„Wa? Ding Jaul is krank?“ fragte mich der Nachbar meines im Westfälischen gemieteter Kotten, in dem ich mit meinem Freund ein Aussteigerleben mit eigenen Ziegen, Schafen, Gemüsegarten und selbst verdientem Geld führte. Ich gab Kinderreitunterricht und nähte Lederklamotten: Hosen und Chaps. Seit drei Jahren war ich im Unterricht bei Richard Hinrichs und hatte meine dritten Kurs bei Linda Tellington-Jones besucht.

„Jo, ärgerlich, denn die gelbe kleine Stute brauche ich für die Kinder.“ Entgegnete ich ziemlich traurig.

„Da jeh doch zu dä dicken Hannes. Dä hat ne Pony brav wien Kamel. Dä kannste bestimmt ausleihen.“ Schlug der Nachbar vor.

Gesagt, getan! Den dicken Hannes kannte ich nicht, aber es stimmte, er besaß ein kleines Fuchspony, angeblich acht Jahre, dass ich nun im Stall betrachtete. Hannes hatte nix dagegen, ihn mir auszuleihen. „Hier …. mußt ihn erstmal raushauen den Teufel“, murrte er und übergab mir eine Brechstange. „Ja, den Sack … ich hab den nun endlich eingebuchtet. Der machte immer die Türschlösser auf. Da hab ich ihn eingenagelt.“ „Aha, seit wann steckt er denn nun fest in seiner Box?“ fragte ich entsetzt, meine Überraschung und Entsetzen hinter heuchlerischem Ton versteckend. „Och, dat war so jegen Weihnachten.“  Au, weia … es war Februar. „und seit her haste ihn nicht mehr rausgeholt?“ „Nööö!“ erwiderte er und verschwand im Haus. Na, denn! Mit Brechstange und Zange entfernte ich die Nägel, öffnetet die Boxentür und stellte fest, dass man den hübschen Burschen wenigstens berühren konnte. Das war dann so gut wie alles. Kleine Auflistung und Bilanz nach erstem Training: nicht Halfter führig, gab mit Mühe die Hufe, biss, schlug, stieg, wieherte die ganze Zeit, denn er war noch Hengst und schien die Gemeinschaft zu anderen Pferden sehr zu suchen.

Fazit: völlig unbrauchbar als Kinderreitpony, aber hochinteressantes Projekt in Sachen Tellington Arbeit. Meine erste Herausforderung, der ich mich stellte, weil der Kerl was ungemein Gewitztes hatte. Auf zwei Beinen stehend guckte er mich von oben an, als wenn er sagen wollte, bin ich nicht wirklich imposant? Also beschloss ich im Februar 1991 fortan mehrmals in der Woche den keinen Frechdachs mit Stockmaß 1,25m zu trainieren. Glücklicherweise befand sich nicht weit vom dicken Hannes eine Reithalle, die ich zum Training nutzen konnte. Meine bisherigen Kenntnisse über Bodenarbeit und Longe kamen nun voll zum Einsatz. Der Charmbolzen genoss die Tellington Touches und macht rasend schnelle Fortschritte. Leider …!

Denn kaum etwas erzogen, war er dann auch auf einmal verschwunden. Hannes erzählte mir eine herzzerreißende Geschichte, weshalb der Ganove nun weg war und ich fand wenige Tage später heraus … alles Lug und Trug und das Pony war für viel Geld an einen Händler gegangen.

Schock! Denn schon längst hatte ich ihn in mein Herz geschlossen, das kleine Fuchspony namens Benjamin. Er sollte in einen Ferienpark zum Rumschleppen von Kindern weiterverkauft werden. Ich dacht nur, das geht nicht gut, denn dafür war er noch nicht brav genug und würde – damit er es wird – wahrscheinlich ganz schön verdroschen werden. Tränen über Tränen. „Ich werde herausfinden, wo er ist, ihn zurückkaufen, weiter erziehen und wenn er brav ist, an ein Kind verkaufen.“ So präsentierte ich meinem Freund meinen damals gefassten Plan. Tage später nachdem ich den Händler aufgetan hatte, vier Stunden zähes Verhandeln, denn dem Routinier in Sachen Geldrausschlagen war ja von vorn herein klar, dass ich nicht locker lassen würde. In drei Raten würde ich das viel zu teuer bezahlte Pony abbezahlen, versprach ich dem Händler, der wenig dran glaubte, die zweite und dritte Rate jemals zu empfangen, geschweige denn zu den vereinbarten Terminen. Überschwänglich und etwas ungläubig bedankte er sich beim pünktlichen Eintreffen der dritten Zahlung: das hätte er auch noch nicht erlebt.

So, nun war er meins! Ich explodierte vor Freude. Es war klar, er bleibt erst mal am Kotten in Gesellschaft der Ziegen und Schafe und wird nachts einen klitzekleinen Stall (mit drei Türen) neben diesen beziehen, bis sich eine bessere Lösung fände. Der ausgebuffte Vierbeiner zeigte in den folgenden drei Nächten, warum es auch eine vermeintliche Lösung sein konnte, ihn in der Box einzunageln, denn am ersten Morgen stand er auf der Diele, am zweiten im Nebenstall bei seinen Nachbarn den Ziegen und in der dritten Nacht fand er heraus, wie der Verschluss der Außentür zu bewerkstelligen war und er ward verschwunden. Schrecken!!! Suche im Dorf und der Umgebung folgte. War das ein Schaumeier! Nicht nur, dass er das Quartier meiner beiden Stuten 1 km vom Kotten entfernt gefunden hatte, nein … jedes Mal, wenn ich dort zur Kontrolle vorbei fuhr, grasten diese zufrieden und ruhig auf ihrer Weide. Fuchspony jedoch versteckte sich im anliegenden Wald.

Das ging nochmal gut! Daher schnell kurzer Anruf beim Tierarzt: „Guten Tag, ich bräuchte bitte einen Kastrationstermin für ein Hengstpony.“ Eine Woche später hatte ich einen kleinen belämmerten Wallach im Stall stehen und weiter drei Wochen später ein fröhliches, braves Pony nicht mehr weiter belästigt von unnötigem Testosteron. Welch ein Wunder! Zugegeben schon weitaus hilfreicher als Tellington Touches!

Nach drei weiteren Monaten konnte ich Benjamin im Kinderreitunterricht einsetzen. Dank Kastration nichts desto Trotz Tellington Touches und Bodenarbeit. Fortan wurde er mit zu Richard Hinrichs geschleppt, der ein Herz und Geduld für alles hatte, was zur Gattung der Pferde gehörte. Grundgehorsam, Longenarbeit und Arbeit am langen Zügel waren die Trainingsinhalte. Geritten war er schon beim dicken Hannes, da hatte ich keine Arbeit dran und gefahren war er auch schon. Letzteres machte er sehr zuverlässig. Bald stand ein kleiner Gig auf dem Hof und mit Neufundländer Flippje und Ziegenbock Charly fuhren wir unsere Runden. War die Verkehrslage brenzlich ließen sich drei im Gig durchschütteln: Hund, Bock und deren Besitzerin. Ein Bild für die Götter … Spaß pur!

1985 hatte ich Claus Penquitt und seine Tochter Natalie kennen gelernt, die mit Ihrem Schimmel Lucky lustige Zirkustricks konnte. Hinrichs ergänzte mit Spanischem Schritt und Hinlegen das Tricktraining und das Pony strotzte mit Supertalent.

Weihnachten 1990 erschien das Buch „Hohe Schule an der Doppellonge“ von Philippe Karl. Auch dafür musste Benjamin herhalten bzw. ich befand es sei eine sinnvolle Arbeit für uns, da ich ihn nicht reiten wollte.

So, ab da stand unser Programm: Boden-, Longen, Doppellongenarbeit, Scheuparcours von Kindern geritten, Halsringreiten und Springen, Kutsche fahren und Zirkuslektionen. Er wurde schnell die Attraktion auf meinem jährlichen Pony Fest. Meine Zeit, was habe ich dank dem Pony alles gelernt!

1993 verließ ich den Kotten und ging auf Wanderschaft. Mit im Gepäck meine Anglo Araber Stute Monodie und Benjamin. Es war mein Lehr- und Wanderjahr, in dem ich zu all denen wollte, die mich interessierten: Start bei Hinrichs, weiter über Monate mit Linda Tellington – Jones, gleichzeitig bei einem Dressurreiter Dr. Johannes Wagner in Wasserburg am Inn, dann Hauchenberg Hof im Allgäu um die Rekener Reitweise zu vertiefen und ab November 1993 vier Wochen Portugal aus denen dann drei Jahre wurden.

In Portugal erbastelte ich mir die Kapriole und fortan konnte er nun auch Sprünge über der Erde. Sein Ausflug in Europas Westen … war ein voller Erfolg.

Jetzt fehlte nur noch eins: Kurs mit Philippe Karl, dem Meister der Doppellonge. Was ich mir aus dem Buch angeeignet hatte, sollte überprüft werden. Ein spektakuläres Kapriolen Foto mit uns beiden in portugiesischer Marialva Montur sollte den bekannte Franzosen ködern. Es war also Ben, der mir verhalf und die Rechnung ging auf: 1998 erster Kurs in Schneverdingen am Rande der Lüneburger Heide mit dem ehemaligem Ecuyer des Cadre Noir/Saumur Philippe Karl. Ben zeigte alles, ließ an nichts fehlen. Augen glänzten, Charmefunken sprühten und schrien in die Welt: „Also, Herr Monsieur, uns sollten Sie sich mal genau angucken. Ich bin gespannt mit welchen Gefühlen Sie diesen Kurs verlassen werden. Ich wette, Sie kommen wieder.“ Gedanken eines gewitzten Ponys. Um es kurz zu machen: Im Jahre 2002 war er es, der herausgeputzt eine Braut zur Hochzeit fuhr.

Benjamin war also geblieben und nie an ein Kind weiterverkauft worden, weil ich so viel mit ihm lernen konnte, er sowieso nicht gehen wollte, ich ihn liebte und täglich unglaublichen Spaß mit ihm hatte. Er ist ein Stimmungsaufheller, hat Charme und Witz und jede Menge Talent, was aus sich zu machen. Es gab wenige Tage in seinem Leben, an denen er nicht trainiert wurde. Er ist ein garantiertes Antidepressivum und seine Medizin ist täglicher Applaus, Anerkennung und Zuwendung.

Er ist inzwischen dreißig Jahre alt und hat mich 27 Jahre begleitet. Denn am Tag seiner Kastration inspizierte ich sein Gebiss und schlagartig waren mir zwei Sachen klar:  Er war erst drei statt die angegebenen acht Jahre jung und ist vom dicken Hannes mit zwei Jahren „eingeritten“ worden ,oder sollte ich sagen platt gewalzt. Kein Wunder, dass das Pony wehrlos blieb … wie auch?

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2018. Der Name „Jamin“ wurde in den Müll geschmissen. Das Pony war ernst zu nehmend und erwachsen, also heißt er offiziell Ben. Nur ich rufe ihn mit meinem persönlichen Liebesnamen: „der kleine Min“ und mich durchströmt Liebe und Freude.

Er sieht prächtig aus! Nur weil er ergraut ist, kann man auf sein Alter schließen. Jedoch diejenigen, die ihn nicht kennen und denken, dass er halt ein sehr buntes Pony ist, erkennen die weißen Haare seines Alters nicht als solche und können es nicht fassen, wenn ich ihnen sein Alter nenne.

Manche Menschen stehen bewundernd neben ihm und rufen aus „ Dann ist er ja älter als ich! Unglaublich!“ Chiara, der junge Hüpfer hat mit ihren 22 Jahren die Ehre, den weisen Burschen zu arbeiten und beide tun das mit großer Freude. Er ist eine Bereicherung für diese und bisherige Praktikantinnen und wiederum diese für ihn, denn so ist während meiner häufigen Abwesenheit ein zuverlässiges Training gesichert.

Wie kann es sein, dass ein Pferd/Pony so alt wird?

  • Sicherlich weil wir eine Menge Glück hatten,
  • Okay, weil Ponys oft sehr alt werden
  • aber auch, weil ich ihn als 1,25iger Pony ernst nehme und er tägliches Training genießt und nicht als Beistellpony vergammelt
  • weil ich mich von Jahreszahlen nicht beirren lasse. Ein nicht ernsthaft lahmendes Pferd kann egal in welchem Alter trainiert werden. Oder sollte ich sagen … Muss!
  • weil er altersgerecht mit eingeweichten Heucobs aus Deutschland importiert und Senioren Mineral gefüttert wird.
  • weil er im Krankheitsfall entsprechend behandelt wird

 

Use it or lose it! Das ist unser Motto, das ihn fit hält.

Wie oft laufe ich neben ihm und beneide seine Fitness und Kondition und sag ihm „ Kannst mal froh sein, dass Du Deinen Personal Trainer hast. So einen hätte ich auch gern, dann wäre ich deutlich fitter!“ Denn er ist es, der sein tägliches Pilates, Yoga und Konditionstraining absolviert und mich nun ins Alter führt.

Hier sein Trainingsplan, der dann variiert wird, wenn es auf Grund seiner Verfassung notwendig ist.

Montags: weil er am Sonntag Ruhetag hatte 45 Minuten ruhiger Dauertrab ohne Pause, nachdem er 15 Minuten im starken Schritt aufgewärmt wurde und abschließend wieder 15 Min im Schritt abkühlt.

Dienstags: Zum Einstieg wie an jedem Tag 15 Minuten Schritt dann Spiel und Motivationstraining

oder Details der Longenarbeit verbessern, kleinschrittig, mit viel Lob und Pause, um den nächsten Tag vorzubereiten; Abschluss mit 15 min Schritt führen

Mittwochs: Longenarbeit 15/30/15 ;15 Minuten im starken Schritt; 30 Minuten Longenarbeit als Intervall Training: Übergänge von Gangart zu Gangart oder in der jeweiligen Gangart, saubere Linienführung auf Volten, Handwechsel und Schlangenlinien, Trab und Galopp, Schritt in den Pausen, Rückwärtsrichten

Donnerstags 20 Minuten Konditionstraining: Galopp ohne Pause nachdem er 15 Minuten im starken Schritt aufgewärmt wurde und abschließend wieder 15 Min im Schritt abkühlt.

Freitags wie Dienstag

Samstags wie Mittwochs zur Abwechslung im Schrittprogramm Arbeit an der Hand

Wenn er von mir trainiert wird, dann findet das Konditionstraining in der Kutsche statt und tatsächlich manchmal ohne Pausen im ruhigen Dauertrab oder als Intervalltraining oder ich arbeite ihn am langen Zügel.

Er ist mit durchaus erstzunehmenden Krankheiten ausgestattet: hat Cushing und hohe Pirowerte und in leichter Form Hautekzem. Er hat einen altersbedingt schlechten Zahnzustand. Aber weil wir uns so sehr um ihn kümmern, ist er so fit. Das ist unser Geheimnis: Liebe, Zuwendung, Anerkennung und tägliches Training. Wir wünschen uns in diesem Sinne für viele Menschen ein Vorbild zu sein auf das ihr geliebtes Pferd auch so lange fit bleibt und Sie ähnlich viel Freude haben. (Bea Borelle)