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Universalwerkzeug Parade

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Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft “Paraden”, welches hier als E-Paper erhältlich ist. 

 

Sie gehören zum „Universalwerkzeug“ des Reiters, ohne sie wären Übergänge, Tempoveränderungen oder schwierige Lektionen undenkbar: die Paraden. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, sind sie für viele Reiter ein Buch mit sieben Siegeln. Mit dem Kavallerieoffizier Oberst a. D. Kurd Albrecht von Ziegner sprach Swea Menser darüber, worauf es bei der korrekten Parade ankommt und warum sie so oft missverstanden wird.

Herr von Ziegner, mit dem Wort „Parade“ assoziiert man neben der reiterlichen Hilfe sofort einen militärischen Bezug. Trifft das auch auf die Parade im Sinne der Reitlehre zu?
Der Begriff der Parade kommt aus dem Französischen und hat dort zwei Bedeutungen, zum einen im Sinne von „paradieren“, „zur Schau stellen“, was sich beispielsweise auf die Militärparade bezieht, zum anderen als Substantiv zu dem Verb „parieren“, was mit „abfangen“, „aufhalten“, „stoppen“ gleichgesetzt werden kann. Das reiterliche Fachwort hat seinen Ursprung in der zweiten Wortbedeutung.

Warum wird Ihrer Meinung nach die Parade in ihrer Ausführung so oft missverstanden? Wie sollte es korrekt sein?
Das hat sicherlich auch mit dieser Wortbedeutung des Abfangens und Stoppens zu tun. Für den Laien besteht eine Parade zunächst einmal darin, am Zügel zu ziehen, weil damit das Tempo verlangsamt werden kann. Je mehr am Zügel gezogen wird, desto wirkungsvoller erscheint diese Bremse. Ein Blick in die Natur zeigt, dass das so jedoch nicht richtig sein kann. Pferde auf der Koppel, die im gestreckten Galopp heranstürmen und kurz vor dem Zaun mit einer Vollbremsung „parieren“, greifen mit den Hinterbeinen weit unter ihren Körper. Bei diesem Bremsmanöver, das manchmal aussieht, als würde sich das Pferd auf sein Hinterteil setzen, ist die Vorhand erhoben, das Genick ist der höchste Punkt, der Hals aufwärts gewölbt. Das Pferd setzt seine natürliche „Bremse“ ein, die weit untergeschobene Hinterhand.
Die klassische Reitlehre leitet sich bekanntlich aus dem Verhalten der Pferde in Freiheit ab und hat zum Ziel, dieses Verhalten auch jederzeit im Gehorsam unter dem Reiter abrufen zu können. Wirkt der Reiter also mit einer Parade ein, sollte er dieses Bild des frei stoppenden Pferdes vor Augen haben. Das Durchparieren ausschließlich mit Zügelanzug verbietet sich dadurch von selbst.

Ganze und halbe Paraden bestehen immer aus einem Zusammenspiel von Kreuz-, Schenkel- und Zügelhilfen. Was aber heißt das für den Reiter? Wie werden die einzelnen Hilfen korrekt gegeben und wann?
Eine befriedigende Antwort auf diese Frage ist schwierig, weil man Reiter nicht in Schablonen fassen kann – Pferde erst recht nicht. Hier ist der einfühlsame Reitlehrer gefragt, der in der Lage ist, zwei grundverschiedene Persönlichkeiten zu einer Einheit in Harmonie zusammenzuführen. Er muss seinem Schüler das Reiten mit Gefühl und Verstand vermitteln. Pferde funktionieren nicht auf Knopfdruck, sondern müssen zu williger Mitarbeit erzogen werden. Das verlangt zunächst Selbstdisziplin, Zielstrebigkeit und viel Geduld.
Was die Paraden angeht, so gilt generell, dass sie auf den gleichseitigen Hinterfuß wirken. Dabei wirkt der Schenkel vortreibend und der Zügel verhaltend. Will man also den linken Hinterfuß mehr „fordern“, dann darf der linke Zügel dies nicht gleichzeitig verhindern. Mit ihm muss der Reiter also nachgeben. Beim Abfangen wirkt der Zügel auf den gleichseitigen Hinterfuß, wenn dieser gerade aufsetzt. Die Hilfen sind aber nur dann unmittelbar vom Pferd umzusetzen, wenn sie in den Bewegungsablauf eingepasst sind. All dies erfordert einen makellosen, unabhängigen Sitz, denn nur aus diesem heraus können Gefühl und korrekte Hilfen kommen. Die nobelste, aber auch schwierigste Aufgabe des Reitlehrers ist daher, seine Schüler richtig „hinzusetzen“.

Wie verhält es sich mit dem Zusammenspiel der reiterlichen Hilfen bei der Parade?
Das Parieren ist, wie gesagt, eine Aktion aus der Hinterhand. Hier ist der „Motor“ des Pferdes, hier liegen die Muskeln und Gelenke für den Antrieb (Schubkraft) und für das Aufnehmen (Tragkraft). Um diese zu aktivieren, setzt der Reiter seine Kreuz- und Schenkelhilfen ein. Die hiermit erzeugte Aktivität der Hinterhand macht sich in der Reiterhand bemerkbar, wird durch die Zügelhilfen abgefangen und führt bei nachgebendem Zügel zu vermehrtem Untertreten. Dadurch kommt das Pferd fleißig und ohne zu eilen ins Gleichgewicht, wird also in der Vorhand größer und leichter. Wichtig dabei ist immer, dass die vortreibenden und die verhaltenden Hilfen nicht gleichzeitig gegeben werden, der Reiter also bildlich gesprochen nicht gleichzeitig Gas gibt und bremst. Das würde das Pferd nicht verstehen. Bei allen Paraden haben daher die vortreibenden Hilfen Vorrang vor den verhaltenden. Ein Pferd, das nicht jederzeit „vor dem Schenkel“ steht und die Verbindung zur Hand sucht, ist nicht sicher „an den Hilfen“ und kann sich jederzeit nach hinten verkriechen.

Was genau unterscheidet ganze und halbe Paraden?
Die ganze Parade ist die Parade zum Halten. Die halbe Parade ist aber nicht die Hälfte der ganzen, wie man meinen könnte. Eine ganze Parade besteht nicht aus zwei halben Paraden, sondern aus so vielen halben Paraden, bis das Pferd steht, und dies mit scheinbar unsichtbaren Hilfen. Beim jungen Pferd werden es mehr, beim ausgebildeten weniger sein. Die halbe Parade ist ein vermehrtes Fordern des Pferdes mit treibenden Hilfen an die empfangsbereite Hand. Sie dient dazu, das Pferd „wach“ zu halten, auf eine Lektion vorzubereiten, seine Balance zu verbessern, den Takt sicherzustellen, das Tempo zu regulieren, zu versammeln. Die halbe Parade ist ein kurzes Signal und wird vom Pferd nur dann verstanden werden können, wenn die Grundlagen der Ausbildungsskala erarbeitet sind und der Reiter über das notwendige Gefühl für die ständige Übereinstimmung mit dem Pferd verfügt (Reitertakt). Damit ist das Eingehen in die Bewegung gemeint, das Gefühl des Reiters für Takt und Tempo und vor allem für das richtige Timing der Hilfengebung. Nur so können „unsichtbare“ Hilfen für das Pferd verständlich sein.

Unterscheidet sich die Intensität der Hilfengebung bei der ganzen Parade, je nachdem um welchen Übergang zum Halten es geht, also z.B. Galopp-Halt, Trab-Halt?
Die Intensität der Hilfen ist abhängig von der Durchlässigkeit des Pferdes, der damit erreichten Empfindsamkeit und dem sich daraus ergebenden Gehorsam. Ist die Durchlässigkeit erreicht, entsteht ein „Stromkreis“, der durch das ganze Pferd geht und die Impulse der Hilfen durchlässt – beginnend vom treibenden Schenkel zur Hinterhand, von dort über den federnden Rücken, über das hergegebene Genick bis ins Maul, um von dort über die empfangende Hand, durch den Körper des Reiters wieder Anschluss an den treibenden Schenkel zu finden.

Welche reiterlichen Fehler treten bei der ganzen Parade häufig auf?
In den meisten Fällen fehlen die Grundlagen beim Reiter oder beim Pferd. Ziehen am Zügel bringt das Pferd auf die Vorhand, führt zu stumpfem Maul und zu vorzeitigem Verschleiß. Eine ganze Parade kann nur dann korrekt ausgeführt werden, wenn sowohl der Reiter als auch das Pferd in den halben Paraden absolut sicher sind. Dies aber ist erst das Ergebnis von langwieriger, zielgerichteter Ausbildung nach der Skala. Wer schließlich aus dem Mitteltrab mit untertretender Hinterhand und eher nachgebendem Zügel zum korrekten Halten parieren kann, hat von der Reiterei bereits viel verstanden.

Herr von Ziegner, vielen Dank für das Gespräch!

Kurd Albrecht von Ziegner ist Ehrenrat des Vereins Xenophon
Lesetipp: Kurd Albrecht von Ziegner: „Elemente der Ausbildung – Leitfaden für den Bereiter junger Pferde“, Cadmos-Verlag

 

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft “Paraden”, welches hier als E-Paper erhältlich ist. 

One Response

  1. […] Im Magazin “Dressur Studien” gibt es ein Interview mit Kurd Albrecht von Ziegner über die Parade. […]