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Jessica von Bredow-Werndl: Der Rücken muss schwingen

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Fühlen und erkennen – Über den Rücken reiten“, das nur noch als E-Paper erhältlich ist. 

 

Ohne dass das Pferd über den Rücken geht, ist das korrekte und harmonische Reiten von Lektionen nicht möglich. Dieser Auffassung ist Jessica von Bredow-Werndl, Grand-Prix-Reiterin und Ausbilderin aus dem bayrischen Ostermünchen. Sie erklärt, warum das so ist und wie der Reiter beeinflussen kann, dass der Rücken des Pferdes locker schwingt.

Zunächst einmal räumt Jessica von Bredow-Werndl mit einem Vorurteil auf: „Vielfach wird die Bedeutung des Über-den-Rücken-Gehens missverstanden“, sagt sie. „Viele Reiter denken, dass ein Pferd, das sich vorwärts-abwärts dehnen kann, grundsätzlich auch über den Rücken geht. Das stimmt nicht immer. Wenn es den Hals fallen lassen kann, muss sich nicht zwangsläufig auch der Rücken entspannen.“ Ein durch und durch lockeres Pferd sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sagt die Reiterin, die im März in den deutschen Dressur-Championatskader berufen wurde und als Reserve bei den Weltreiterspielen dabei sein wird: „Es ist wirklich eine Kunst, zu erreichen, dass die Pferde echt loslassen“.

Jessica von Bredow-Werndl. Foto: Bärbel Schnell
Jessica von Bredow-Werndl. Foto: Bärbel Schnell

Sie erklärt: „Ich trabe und galoppiere meine Pferde in der Lösungsphase und auch zum Abschluss jeder Trainingseinheit vorwärts-abwärts. Aber auch zwischendurch lasse ich die Zügel gern einmal lang zur Belohnung.“ Die beste Überprüfung der Losgelassenheit und damit auch des schwingenden Rückens ist laut der Profi-Reiterin allerdings, ob das Pferd auch schwere Lektionen am langen Zügel durchführen kann. Sie nennt ein Beispiel: „Bei meiner Stute Zaire frage ich den Travers-Galopp ab und lasse die Zügel lang. Sie galoppiert auch dann mit gewölbtem Hals und tritt mit der Hinterhand vermehrt unter den Schwerpunkt. Dann weiß ich, dass sie wirklich im Gleichgewicht ist.“ Durch das leichte Travers unterstützt Jessica von Bredow-Werndl das Pferd dabei, auch ohne Zügeleinwirkung in Balance bleiben zu können. „Für mich ist es eines der schönsten Gefühle im Sattel, zu spüren, wie das Pferd sich reell selbst trägt und mich einfach in der Bewegung mitnimmt.“ Wenn es in dieser Situation aber auf die Vorhand falle oder der Reiterhand hinterherrenne, wisse der Reiter, dass das Pferd noch nicht wirklich tragen und den Rücken öffnen kann.

 

Jessica von Bredow-Werndl vergleicht den losgelassenen Rücken gern mit einer Yoga-Übung: der Vorwärtsbeuge, die ein echtes Loslassen der Rücken- und Nackenmuskulatur fordert, aber auch die geistige Hingabe an diese Aufgabe. „Manchmal fällt mir diese Übung selbst schwer, weil ich nicht loslassen kann. Dabei ist es nichts anderes, als dass sich die Rückenmuskulatur öffnet und schließt.“ Erst wenn sie sich auch gedanklich auf die Übung einlasse, könne sie auch körperlich loslassen. „Ich stelle mir das beim Pferd ganz ähnlich vor. Am Ende ist eine gute Rückentätigkeit auch eine Übungssache. Das Pferd muss erst einmal lernen, dass es ihm gut tut, wenn es sich nicht fest macht.“

 

Gründe dafür, dass sich ein Pferd im Rücken nicht loslassen will, gibt es viele. „Zu allererst muss natürlich der Sattel wirklich passen“, sagt die Kaderreiterin und fügt hinzu, dass sich Pferde auch häufig verspannen, wenn sie abgelenkt sind und sich mehr auf die Umwelt als auf ihre Aufgabe konzentrieren. „Dann versuche ich, ihre Aufmerksamkeit wieder zu mir zu holen und reite beispielsweise mehrere Galopp-Schritt- oder Galopp-Trab-Übergänge hintereinander – so lange, bis sie mir wieder zuhören.“ Förderlich für die Lockerung der Muskulatur sind nach Ansicht von Jessica von Bredow-Werndl auch Basisübungen wie Renvers, Travers, leichtes Übertretenlassen oder das Vorwärtsreiten im Galopp. „Auch sollte das Pferd nicht zu tief eingestellt werden, damit es hinten tragen kann und nicht von der Hand festgehalten wird.“

 

Gerade wenn es darum ginge, neue Lektionen zu erarbeiten, würden viele Pferde nervös, was sich dann auch auf den Körper übertrage. „Vielleicht heben sie sich ein bisschen heraus oder werden hektisch, da sie unsicher sind, was der Reiter von ihnen möchte.“ Mache sich Unsicherheit breit, sei es auch hier ratsam, nach ersten Schritten zur neuen Lektion wieder Altbekanntes abzufragen: „Ich baue dann eine Lektion ein, die für das Pferd absolute Routine ist.“ Auch entspanne es viele Pferde, wenn ein paar Runden am langen Zügel im leichten Sitz folgen. „Alles, was dem Pferd in diesem Moment Sicherheit gibt, führt auch wieder zu Losgelassenheit“, sagt Jessica von Bredow-Werndl, die Inhaberin des Goldenen Reitabzeichens ist und gemeinsam mit ihrer Familie in Bayern den Dressur-Ausbildungsstall Aubenhausen betreibt.

 

Da nicht immer sofort spürbar ist, ob das Pferd im Rücken fester wird, überprüft die 28-Jährige das gern während der Trainingseinheiten: „Ich lasse die Pferde immer wieder lang und ermögliche ihnen, sich zu dehnen. Wenn sie immer nur in voller Aufrichtung gearbeitet werden, muss es zwangsläufig zu Verspannungen kommen.“ Zum einen sei das eine gute Überprüfung, ob das Pferd noch losgelassen ist, denn sollte der Körper verspannt sein, wird es im Vorwärts-Abwärts Probleme bekommen, seine Balance zu halten. Zum anderen könnten sich etwaige Verspannungen in der Dehnungshaltung wieder lösen. Allerdings: „Wer zur Entspannung vorwärts-abwärts reitet, muss genau darauf achten, dass es eine ehrliche Dehnungshaltung ist. Oftmals kommt das Pferd auf die Vorhand, dann verspannt es sich weiterhin und kann nicht losgelassen vorwärts gehen.“ Besonders die Pferde, die ständig über Tempo geritten würden, seien prädestiniert für eine unehrliche Dehnungshaltung, warnt Jessica von Bredow-Werndl.

 

Den Kandidaten, die sich besonders schwer lösen lassen, den Rücken wegdrücken oder auf dem Zügel gehen, hilft die Reiterin gern mit einer anstehenden Zügelhilfe. „Ich bleibe in der Hand und im Sitz sehr ruhig, sodass der Zügel ein bisschen wie ein Ausbinder wirkt.“ Da die Pferde das bereits von der Longe her kennen, entspannen sie sich dann häufig schneller. „Oftmals bekommen gerade junge Pferde, die noch nicht so richtig ausbalanciert sind, schneller Panik, wenn ein Reiter auf ihrem Rücken sitzt. Ich gebe ihnen dann mit dem Zügel Sicherheit.“ Wichtig sei, dass die Hand dabei ganz ruhig bleibt und nicht nach vorn oder hinten agiert. So würden Übergänge geritten, möglichst ohne Handeinwirkung: „Ich versuche allein am Kreuz und an der Wade durchzuparieren. Manchmal ist weniger mehr – der Reiter muss sich selbst zurücknehmen und dem Pferd die Möglichkeit geben, sich selbst zu sortieren.“

 

Ein weiterer Punkt, der für die Entwicklung des Pferdes elementar sei: „Es ist ganz wichtig, den Pferden die Zeit zu geben, die sie brauchen“, sagt Jessica von Bredow-Werndl. Das bedeute auch, dass nicht zu früh zu viel von ihnen verlangt wird und sie erst spät auf Turnieren vorgestellt werden sollten, wenn sie noch Probleme mit dem Wachstum haben. „Für mich brauchen sie nicht sechsjährig ihren Höhepunkt zu haben, sondern später.“ Besonders Pferde mit steiler Kruppe oder hohem Widerrist bräuchten häufig mehr Zeit, bis sie sich in ihrem Körper gefunden haben.

Ob ein Pferd über den Rücken geht, muss der Reiter erfühlen lernen. „Ich kann es spüren, wie der Rücken sich unter mir bewegt“, erklärt die Ausbilderin. Wer Probleme damit hat, dem rät die Bayerin, einmal ohne Sattel zu reiten. „Ich mache das immer wieder, da ich dann noch besser erfühlen kann, in welchen Lektionen sich der Rücken wirklich nach oben wölbt oder wo es noch hakt.“ Für den Betrachter sei ein schwingender Rücken am besten an der Muskulatur hinterm Sattel erkennbar, meint Jessica von Bredow-Werndl: „Ich sage immer, wenn es wie Wackelpudding aussieht, wenn also die Muskulatur springt, dann ist alles gut“, lacht sie. Gleiches gelte, wenn das Pferd weich in der Anlehnung ist, alle Hilfen sofort ankommen und der Schweif locker pendelt.

 

Auf der anderen Seite gibt es auch eindeutige Indizien dafür, wenn das Pferd eben nicht über den Rücken geht. „Die Rückenmuskulatur ist fest, häufig sperren die Pferde im Maul, drücken die Zunge heraus, schlagen panisch mit dem Schweif oder klemmen ihn ein.“ Auch ständig zurückgelegte Ohren deuteten auf seelische und körperliche Anspannung hin. „Eigentlich muss ich aber nicht mehr tun, als den Pferden in die Augen zu sehen. Der Gesichtsausdruck des Pferdes verrät so ziemlich alles“, ist Jessica von Bredow-Werndl überzeugt. Dann könnten auch Lektionen nicht mehr gelingen: „Schon allein Übergänge sind ohne gute Rückentätigkeit kaum möglich, da die Pferde dafür den Rücken hergeben müssen.“ Die Grand-Prix-Reiterin betont: „Der Rücken ist das Zentrum des Pferdes. Wenn der Reiter viel erreichen möchte, sollte er sich um den locker schwingenden Rücken bemühen.“ (Andrea Zachrau)

 

Weitere Informationen zur Jessica von Bredow-Werndl finden Sie auf der Homepage ihres Ausbildungsstalles unter www.aubenhausen.de

 

Lesetipps:

FN (Hrsg.): Richtlinien für Reiten und Fahren, Bd. 1, FN-Verlag, 2012

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Fühlen und erkennen – Über den Rücken reiten“, das nur noch als E-Paper erhältlich ist. titel_314_lr