» » Paul Stecken: Die Entwicklung der Skala der Ausbildung

Paul Stecken: Die Entwicklung der Skala der Ausbildung

Die Skala der Ausbildung kann bei allen Pferderassen angewendet werden. Foto: www.slawik.com
Die Skala der Ausbildung kann bei allen Pferderassen angewendet werden. Foto: www.slawik.com

 

Paul Stecken leitete 36 Jahre die Westfälische Reit- und Fahrschule, in der auch Reiner Klimke seine Ausbildung begann. Der international anerkannte Ausbilder und Dressurrichter Paul Stecken (29.06. 1916 – 15.09.2016) – an der Kavallerieschule Chef der Reiter Inspektion – betreut heute die Olympia-Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke. Für die Dressur-Studien sprach Claudia Sanders mit dem ehemaligen Kavallerieoffizier.

Ist Ihnen in Erinnerung wann und wo der Begriff „Skala der Ausbildung“ entstanden ist und welche Bedeutung er hatte?
An der Kavallerieschule Hannover und besonders in der Remonte Ausbildung der berittenen Schwadronen innerhalb der Kavallerie Regimenter, galten die “Grundsätze der Ausbildung” für Remonten im 1.und 2. Ausbildungsjahr. Der Begriff “Skala der Ausbildung” selbst wurde wenig angesprochen. Die Reitlehrer kannten die Grundsätze und beachteten sie als einzuhaltende Kriterien für die Ausbildung der jungen Pferde.
Alle Begriffe der Skala der Ausbildung waren schon in der HDV 12, Ausgabe 1937 angeführt. In der Reihenfolge, in der sie heute auch beachtet werden, sind sie dort im Inhaltsverzeichnis auf Seite V aufgeführt. Lediglich der Ausdruck Schwung wurde mit “Entwicklung der Schubkraft und des Ganges” beschrieben. Auf den Seiten 124 – 128 unter “Ausbildung der Pferde” werden im Einzelnen die Begriffe erläutert. Die HDV 12 und die Ausgaben 1926 und 1934 wurden im militärischen Teil verändert. Die Ausgabe 1937 hat in ihrem unveränderten reiterlichen Teil heute noch – weiter entwickelt schon wegen der Zuchtverbesserung – ihre Gültigkeit.

Die Begriffe „Grundsätze der Ausbildung des Pferdes” stellte nach dem Kriege, Ende der 50er Jahre Horst Niemack als Skala der Ausbildung in den Vordergrund. Der General a.D., war vor dem Krieg Angehöriger der Kavallerieschule, danach in Hoya und Verden tätig und Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf. In zahlreichen Vorträgen erläuterte Horst Niemack sehr interessiert und engagiert die Punkte der Skala der Ausbildung, die eingängig und klar zu vermitteln waren. Dass der Begriff „Skala der Ausbildung” eine große Bedeutung erlangte, ist im wesentlichen auf die Bemühungen von Horst Niemack zurückzuführen.
Wenn die Skala der Ausbildung vermehrt für die Ausbildung der Pferde gültig war, was wurde dann in früheren Jahren für die Ausbildung der Reiter besonders beachtet?
Für die Ausbildung der Reiter stand an der Kavallerieschule und in den Reiter-Schwadronen das Gebiet der Reitlehre deutlich im Vordergrund. Hierbei war die sorgfältige Unterweisung wichtig, zum Beispiel über Sitz und Einwirkung des Reiters und die Hilfengebung, lösende und versammelnde Lektionen, halbe und ganze Paraden und die Anlehnung. Für die Pferde hatte der lockere Rücken als Bewegungszentrum und das dazu erforderliche „Zügel aus der Hand kauen lassen“ zur Dehnungsbereitschaft für die weitere Ausbildung eine große Bedeutung.

Ebenso wichtig wie die Begriffe der Skala der Ausbildung waren für die Ausbildung von Reiter und Pferd drei Punkte zu beachten: Der Ausbilder musste wissen was entsprechend Alter und Ausbildungsstand der Pferde geritten werden konnte (Lektionen/Übungen), um ein bestimmtes Ziel der Ausbildung eines vier- oder fünfjährigen Pferdes zu erreichen. Außerdem stellte sich dem Ausbilder die Frage, wie man das reiten musste (Hilfengebung, Einwirkung, Bahnfiguren). Ganz wichtig war zudem, warum diese oder jene Lektion geritten werden sollte, also die Frage: Was bewirkt und erreicht man damit bei Pferd und Reiter? Der Ausbilder musste hierzu bestimmte Zusammenhänge kennen, der Reiter musste mitdenken – vor dem Können steht das Wissen – und auf in gebotener Form gestellte Fragen überzeugende Antworten bekommen. Zu all dem hatten erfahrene Ausbilder damals das erforderliche Hintergrundwissen.

Die Ausbildung (einschließlich Springen und Gelände) der jungen Remonten begann grundsätzlich erst im 4. Lebensjahr und die der alten Remonten endete (einschließlich Kandarenausbildung) nach dem 5. Lebensjahr. Erst dann folgte – neben Verbesserung einiger schwieriger und Förderung besonders veranlagter Pferde – die Einstellung mit 6 bzw. 7 Jahren in den Schwadronsdienst.

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Skala der Ausbildung in den vergangenen Jahrzehnten ein?
Ohne Zweifel fanden die sorgfältigen und eindeutigen Erklärungen der Begriffe Skala der Ausbildung allgemeine Zustimmung und Beachtung.
Mit den 6 Begriffen wurden aber 2 weitere, wichtige Ausbildungsgrundsätze weniger beachtet. Wir haben deshalb an der Westfälischen Reit- und Fahrschule auch von den „Grundsätzen der Pferdeausbildung“ gesprochen, die dann sowohl die Skala der Ausbildung und zusätzlich die Begriffe Durchlässigkeit und Aufrichtung erfassten. Beide Begriffe werden auch in der HDV 12, Ausgabe 1937, auf Seite V zusammen mit den 6 Begriffen angeführt.
Ohne Durchlässigkeit entsprechend Ausbildungsstand und Alter der Pferde ist eine sinnvolle Weiterbildung von vier- und fünfjährigen Remonten nicht möglich. Auch bei jungen Pferden verbessert sich nach und nach die Durchlässigkeit (Rittigkeit), zum Beispiel beim Antraben, Angaloppieren und Zurückführen zum Trab und Schritt. Anfang der Neunziger Jahre wurde der Begriff Durchlässigkeit auf meinen Vorschlag zur Skala der Ausbildung angeführt.
Ein weiterer wichtiger Begriff ist zum Ende der Ausbildung jüngerer Pferde (fünf Jahre, alte Remonten) die Aufrichtung in Verbindung mit Anlehnung, beginnender Versammlung und ausbalanciert im Gleichgewicht. Die relative Aufrichtung soll durch vermehrte Gewichtaufnahme der Hinterhand erfolgen, wie es beispielsweise durch Schritt-Galopp, Sprünge verlängern und zurückführen (nur gegenhalten und nachgeben, nicht rückwärts und ziehen) erreicht werden kann. Die absolute Aufrichtung dagegen erfolgt vermehrt durch Handeinwirkung. Der Rücken ist nicht hergegeben und die Hinterbeine sind nicht aktiv zur Gewichtaufnahme aufgefordert. Der lockere Rücken, Stirnlinie sicher an der Senkrechten, gute Maultätigkeit und ein ruhiger Schweif waren immer schon Beweise für richtiges Reiten und Ausbilden. Solche Pferde können in innerer Losgelassenheit zu bestimmten Lektionen alle Muskeln anspannen, aber auch wieder entspannen, z. B. im Schritt, Halten oder bei Siegerehrungen.

Welche Bedeutung kommt dem Begriff Skala der Ausbildung heute zu, wenn er in seiner Entstehung mehr für die Ausbildung der Pferde und weniger für die Reiter galt?
Grundsätzlich ist es gut und richtig, dass die überlieferten Grundsätze der Skala der Ausbildung erweitert durch den Begriff „Durchlässigkeit“ in der gesamten Reiterei deutlich in den Vordergrund gestellt werden. Dieses sollte gelten vordringlich für die Ausbildung der 4- und 5-jährigen Pferde (junge und alte Remonten) und für die Bewertung der Kriterien (für Ausbilder und Richter) – auch wenn die Ausbildung der Reiter damit weniger angesprochen wird.
Die Pferdezucht hat in den letzten 40 bis 50 Jahren so deutliche Fortschritte gemacht, dass heute die Begriffe Takt, Losgelassenheit, Anlehnung und dazu Durchlässigkeit in der Ausbildung von 4-jährigen Pferden (erstes Ausbildungsjahr) schon eine größere Bedeutung haben als in früheren Jahren. Dies gilt besonders, weil junge Pferde auch wegen der allgemeinen Verbesserung der Zucht ein Anreiten schon mit 3 – besser mit 3,5 – Jahren zulassen. Selbst die Begriffe Schwung, Geraderichten, Versammlung und dazu der Begriff Aufrichtung können bereits am Ende des ersten Ausbildungsjahres und zu Beginn des zweiten Jahres (fünfjährige Pferde) auf Grund der Zuchtverbesserung (Hinterhandwinkelung, Rückenform, Halsaufsatz, Genick und Temperament) vermehrt zur Geltung kommen. Tritte und Sprünge verlängern und Tempo zurückführen zur Entwicklung der beginnenden Versammlung bereiten den Pferden bei richtigem Reiten keine Schwierigkeiten. Erforderlich ist allerdings auch hier, dass die Ausbilder genügend erfahren bzw. die Reiter entsprechend vorgebildet sind.

Herr Stecken, vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Heft “Klassisch contra Classique”, welches leider vergriffen ist. Titelbild